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Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino



7. Am Ziel

Pietrarubbia


heilige Josef von Copertino
Pater Josef hatte das alles kommen sehen. Rechtzeitig hatte er seine Oberen gewarnt und um Hilfe gebeten. Doch sie konnten gegen den Zustrom der Menschen zu ihm nichts ausrichten. Im Traum hatte er einen Berg und eine Einsiedelei gesehen und sich selbst in ihren Mauern: zehn Jahre werde er ein schweres Kreuz tragen müssen. Jetzt erkennt er diesen Ort wieder. Obwohl die Kapuziner nicht informiert und völlig überrascht waren, wird er nach anfänglicher Verwunderung mit herzlicher Brüderlichkeit aufgenommen. Sie beten und singen mit ihm, nehmen an seinen geistlichen Erfahrungen Anteil und sind ehrfürchtige Zeugen seiner Entrückungen. Josef erweist sich ihnen dankbar und kann seine Zurückhaltung aufgeben, erzählt aus seiner Jugend, auch, daß er einmal bei Kapuzinern war (daß diese ihn wieder weggeschickt haben, verschweigt er dabei). Er will die Brüder nur erfreuen und aufbauen. Nie kommt er auf die Gründe seiner Verbannung zu sprechen, nie stellt er die Frage nach dem unerklärlichen Verhalten der päpstlichen Behörden.
Allerdings bringt er ungewollt auch hier die Ordnung der kleinen Gemeinschaft etwas durcheinander. Die lange Dauer seiner Meßfeier läßt zum Beispiel den Kerzenvorrat zusehends gefährlich schmelzen. Der kleine Versorgungsengpaß in dieser abgelegenen Gegend wird auf wunderbare Weise überwunden.
An alles hatten die gestrengen Juristen bei ihren scharfen Verboten gedacht, nur hatten sie nicht damit gerechnet, daß das Leben sich nicht durch Vorschriften und Verbote ersticken läßt, schon gar nicht das Wirken des Geistes. Trotz der Abgelegenheit der Einsiedelei setzt sofort wieder ein Strom von Pilgern ein. Aus der ganzen Gegend kommen sie, aus Montefeltro, Urbino, Urbania und Fossombrone, sogar aus Cesena. Es hatte sich schnell herumgesprochen, wo Josef von Copertino sich aufhält. Ganze Reisegesellschaften werden organisiert. Das einsame Klösterchen sieht sich auf einmal als Ziel und Mittelpunkt lebhaften Treibens, Zelte werden aufgeschlagen, Hütten errichtet, Löcher in die Mauern gebrochen, um den verehrten Mönch sehen zu können.
Eine Heilung am 10. August 1654 — Umstände und Namen sind ausdrücklich bezeugt — läßt den Menschenstrom geradezu ausufern. Die kleine Insel der Stille und Einsamkeit wird von einem nicht mehr zu bändigenden Wogenschwall umbrandet. Der Klosterobere muß befürchten, daß diese Entwicklung den Anordnungen des Inquisitionsgerichts zuwiderläuft, hat aber weder Weisung noch Vollmacht, das Volk von der Meßfeier des sonst streng isolierten Häftlings auszuschließen. Hilfesuchend wendet er sich an seinen Vorgesetzten.
Der nun entscheidet rasch: Der Bevölkerung wird der Zutritt zur Kirche in der Zeit der Meßfeier Pater Josefs untersagt, ein Beauftragter hat für Abschirmung seiner Person und Wiederherstellung der klösterlichen Stille zu sorgen; die entstandenen Schäden mußten ausgebessert werden. Doch in Rom wird eine noch wirksamere Maßnahme beschlossen: erneute Verschleppung in aller Heimlichkeit in ein noch ärmeres Kapuzinerkloster, in abgelegenster Bergeinsamkeit südöstlich von Urbino.

Fossombrone

Der Generalvikar von Urbino wird beauftragt, den Häftling unbemerkt durch die Öffentlichkeit zu überstellen. Mit Kutsche und Dienerschaft fährt er in Pietrarubbia vor, als handele es sich um einen ganz gewöhnlichen Besuch im Kloster San Lorenzo, und weist dem Oberen seine Bevollmächtigung vor mit der Verordnung, niemand dürfe erfahren, daß Pater Josef weggebracht werde und wohin. Seine Frage “Wohin bringt ihr mich?” bleibt ohne Antwort. Pater Josef fragt weiter: “Wird Gott dort sein? Dann auf, laßt uns heiteren Sinnes ziehen! Der Gekreuzigte wird uns beistehen.”
Während die Reisegesellschaft im Refektorium bewirtet wird, führt ihn Pater Pietro Avernali, der ihn zu beaufsichtigen hatte, an der Hand auf Schleichwegen aus dem Haus. Unterwegs nimmt ihn die Kutsche, von niemandem bemerkt, auf. Weiter geht es, auf Seitenwegen, man meidet alle belebten Straßen, übernachtet in einem Gehöft des Erzbischofs von Urbino und setzt am nächsten Morgen die beschwerliche Fahrt durch unwegsames Gelände fort, ins Tal des Flusses Metauro hinab. Die Bischofsstadt Urbino wird umgangen. Bei starkem Regen passieren sie ungehindert die Post‑ und Zollstelle. Es geht über die alte römische Brücke, die steile Berglehne hinauf bis zum “altehrwürdigen, düster ernsten und stillen Kloster von Fossombrone”. Der überraschte Guardian, Pater Teodoro da Cingoli, muß mit dem Häftling auch die strengen Auflagen des Inquisitionsgerichts entgegennehmen, die noch durch zwei Verbote verschärft sind: Niemand — außer den Klosterbrüdern – darf Josef von Copertino auch nur sehen, und niemand — außer den Kapuzinern — darf von seinem Aufenthalt erfahren.
Bischof Zeccardo, mit der Überwachung des Gefangenen beauftragt und von der päpstlichen Behörde für die Einhaltung der Verbote verantwortlich gemacht, erscheint eines Tages zur Visitation. Danach wird es endgültig still um unseren Minoriten. Auch ein zehntägiger Aufenthalt (natürlich unter gleichen Bedingungen) im Kloster Montevecchio — damit in Fossombrone das Provinzkapitel der Kapuziner ungestört verlaufen konnte — unterbricht die absolute Isolation des Klosterhäftlings nicht.
Seine Gastgeber behandeln ihn freundlich und mit Hochachtung, sind erbaut durch seine gleichmäßige heitere Gelassenheit und Dankbarkeit, erfahren im täglichen Gemeinschaftsleben seine Dienstbereitschaft und Genügsamkeit, seinen Eifer im geistlichen Leben — und seine mystischen Zustände. Sie bemerken, daß nie eine Klage oder auch nur die Frage “Warum das alles?” über seine Lippen kommt, ja daß sie ihn überhaupt nicht interessiert. Er beklagt sich nicht bei den Menschen, aber auch nicht (mehr) bei Gott.
Die Brüder schätzen seinen geistlichen Rat und merken sich auch einzelne Aussprüche von ihm:
“Das wahre und vollkommene Gebet besteht darin, den Willen Gottes zu tun.” — “Keine Versuchungen haben, ist eine große Versuchung.” — “Wer Geduld hat allezeit, der bringt es weit.”
Den letzten Sinnspruch singt er einem von Schmerzen geplagten alten Bruder vor, und der wird dabei wunderbar getröstet: “Oh ja, Fra Antonio, das ist ein schönes Lied.”
Pater Josef versucht bei der Feier der Eucharistie auf die Tagesordnung der Klostergemeinschaft Rücksicht zu nehmen und sich an die Zeit zu halten. Im übrigen brechen die Ekstasen und geheimnisvollen Flüge in einer Fülle wie vorher in Assisi auf. Als es dadurch in der Klosterkirche einmal zu einer schwierigen Situation kommt — Kirchbesucher stehen vor der verschlossenen Tür —, bittet Pater Josef seinen Bewacher, ihn, wenn nötig, auch während seines Entrücktseins zum Gehorsam zu rufen. Der Lärm, das Schreien der Menge — offenbar hat sich sein Aufenthalt trotz aller Geheimhaltung und der strengen Vorsichtsmaßregeln doch wieder herumgesprochen —, erreicht ihn nicht, aber der Gehorsam ruft ihn wieder zurück auf den Boden der irdischen Tatsachen.
Am 7. Januar 1655 vertraut er einem Bruder an, daß er während der heiligen Messe den Papst auf dem Sterbebett und die Umstehenden gesehen und für ihn das Memento für die Verstorbenen gehalten habe. Tags darauf gelangt durch Eilboten über die Via Flaminia die Todesnachricht nach Fossombrone.
Mit dem Tod Innozenz' X., des gestrengen Konsistorial‑Advokaten seines ersten Inquisitions‑Prozesses und Verantwortlichen für seine erneute Inhaftierung, keimen bei den Freunden Josefs neue Hoffnungen auf. Schon vorher hatte man immer wieder versucht, Erleichterungen seiner Haft oder eine Überprüfung des Dekrets zu erreichen, das ihn aus seinem Orden ausgeschlossen hatte. Der Generalminister der Minoriten und Kardinäle hatten sich für ihn verwendet. Sogar die Infantin von Savoyen hatte sich — in richtiger Einschätzung der Machtverhältnisse am päpstlichen Hof — an die Schwägerin des Papstes gewandt und schließlich an die Regierungen in Paris und Wien, was aber der Sache eher schadete. Innozenz X. aber hatte auf strenge Einhaltung des Verbannungsdekretes bestanden und jede Abweichung oder großzügige Ausdeutung der Verbote strikt abgelehnt. Der fromme Ordensmann sei vor aller Belastung durch Besuche und jeder unangebrachten Verehrung zu schützen. Freunde des Copertiners waren nach Rom zitiert, der Guardian des Klosters von Urbino zeitweilig seines Amtes enthoben worden.
Auch der nächste Papst, Alexander VII., wird nun mit Bitten bestürmt. Die frühere Königin Christine von Schweden, erst kurz zuvor katholisch geworden, bittet um ein Gespräch mit Pater Josef — ohne Erfolg. Das Generalkapitel der Minoriten, das im Mai 1656 in Rom versammelt war, reicht ein Bittgesuch von acht Provinzialministern beim Papst ein, endlich mit dem Erfolg, daß der Minorit wieder seinem Orden zurückgegeben wird. Freilich — die strengen Isolierungsvorschriften werden nicht gelockert. Auch der Vorschlag des Ordens, ihn wieder nach Assisi zurückbringen zu dürfen, wird mit der Begründung abgelehnt: “Ein heiliger Franziskus genügt schon, um das Volk anzulocken.”
Man bestimmt Osimo in der Mark Ankona zum Verbannungsort, ein einsames Kloster, zur Überwachung geeignet. Dafür wird der zuständige Bischof Antonio Bichi, ein Neffe des Papstes, verantwortlich gemacht. Wegen einer Beulenpest, die zu dieser Zeit Italien heimsuchte — in Rom allein starben Tausende daran — muß die Ausführung des Plans verschoben werden, die Straßen sind überall gesperrt, die Städte bewacht.
Endlich, Anfang Juli 1657, überstellt man Josef von Copertino in einer überraschenden Nacht‑ und Nebelaktion nach Osimo. Das Gesundheitszeugnis, das wegen der Folgen der Epidemie noch erforderlich war, wird ohne Namensnennung ausgestellt. Der Generalminister des Ordens und der beauftragte Bischof bleiben im Hintergrund. Der Generalvikar Crivelli hat das Unternehmen auszuführen, der Sekretär des Ordensoberen begleitet es mit einigen Mitbrüdern. In Fossombrone ist Pater Josef der einzige, der die Ankunft der Reisegesellschaft voraussieht, für die Kapuziner kommt die Abholung ihres Gastes völlig überraschend.

Osimo

Nach herzlichem Abschied “unter Tränen und Umarmungen” wird Pater Josef noch in der Nacht zum alten Kloster Santa Vittoria delle Fratte gebracht, wo Bischof Zeccardo schon auf ihn wartet, um ihn sehen und sprechen zu können. Am 8. Juli setzt man die Reise fort. Unterwegs, in Jesi, wird Pater Josef erkannt. Man muß eine unfreiwillige Pause in einem Gasthaus einlegen. Vor Osimo am Morgen des 9. Juli angelangt, wagt man nicht, am hellen Tag in die Stadt einzuziehen. Man bittet den Bischof durch Boten um eine Kutsche, bleibt dann aber bis zum Anbruch der Nacht in der Gegend von Padiglione. Dort werden die Begleiter Josefs Zeugen mehrerer Ekstasen und eines entrückten Fluges ihres streng bewachten Häftlings. Die übrige Zeit bringt er singend und betend zu.
Nachts endlich erreichen sie ihr Ziel. Am Stadttor weist sich der Generalsekretär des Minoritenordens aus, er sei auf Visitationsreise, die Reisegruppe kann unkontrolliert passieren, der berühmte Minorit gelangt unerkannt ins Kloster. Dort “versteckt” man ihn und schafft durch Umbauten eine vollständige Abschirmung: eine eigene Privatkapelle für die Stille Feier der Eucharistie und ein winziges Gärtlein für ihn, das er aber selten aufsucht. Eine kleine, völlig abgeschirmte Welt. Sechs Jahre wird er hier eingeschlossen bleiben, bis Bruder Tod ihn befreit. Isoliert von den Menschen, erfährt er, wie die “vollkommene Freude” in ihm aufbricht: er ist allein mit Gott.
Trotz aller Geheimhaltung sickern in der Öffentlichkeit Gerüchte durch, auch genährt durch die Maurerarbeiten im Kloster, verebben aber bald wieder. Das normale Leben der Klostergemeinschaft geht weiter; auch wenn der Bischof einmal aus irgendeinem Grund einen Besuch macht, ist das ganz selbstverständlich und unauffällig. Pater Josef hatte ihn — er ist ja glühender Marienverehrer — gebeten, bei der Kurie die Erlaubnis zu einer Pilgerfahrt nach dem nahegelegenen Marienwallfahrtsort Loreto zu erwirken. Doch sie muß verweigert werden, weil man keine Möglichkeit sieht, das vor der Bevölkerung geheimzuhalten. So erfährt niemand etwas vom Aufenthalt des Copertiners.
Und er selbst?
“Ich wohne hier innerhalb einer Stadt, aber es dünkt mich, als wohnte ich in einem Walde oder vielmehr im Paradies.”55 In gesundem Empfinden weiß er also sehr wohl das Eingeschlossensein, die Ungerechtigkeit seiner Klosterhaft und die Härte seiner Isolierung richtig einzuschätzen. Das muß seiner Natur widerstehen und ist ein Widerspruch gegen seine Sendung zu den Menschen. Aber er bleibt voller Freude und Liebe, ohne Klage oder innere Auflehnung. Er ist mit Gott, sich selbst und den Mitmenschen versöhnt: mit Gott, bei dem er sich einmal bitter beklagt hat, mit sich selbst und seinem Leben — und mit den Menschen, auch denen, die ihm Unrecht tun, auch mit der Institution Kirche.
Er betet und singt und weiß sich in seiner Gottverbundenheit wie im Paradies. Die Gemeinschaft seiner Brüder und der geistliche Austausch mit ihnen genügen. Gern steht er auch in diesem kleinsten, abgeschiedenen Kreis für Rat und Lehre, Trost und geistliche Hilfe zur Verfügung. Behutsam weist er die Brüder, wenn ein Anlaß vorliegt, zurecht und ist um Bewahrung und Wiederherstellung des Friedens besorgt. Durch ihn festigt sich die religiöse Ordnung und geistliche Kraft des Konvents, sie beginnt auch “nach außen” auszustrahlen, daß manche Außenstehende sich unwillkürlich fragen, ob nicht doch Josef von Copertino in dieser Bruderschaft lebt und wirkt — anders sei ein solcher Wandel nicht zu erklären.
Von draußen werden die Franziskaner um ihre Gebetshilfe angegangen, wohl auch in der Vermutung, sich dadurch der Fürbitte des Copertiners zu vergewissern. Der kannte, obwohl er nie hinausdurfte, in Osimo jede Gasse, jedes Haus, sah die Menschen konkret in ihren Nöten. Die Gebetserhörungen werden zeitweilig so auffällig, daß sie die Geheimhaltung gefährden und die päpstliche Kurie mit erneuter Verbannung — doch wohin eigentlich? — drohte. Pater Josef bleibt gelassen und sich gewiß: “Haec requies mea!” — hier in Osimo, in dieser Situation, hat er nun das Ziel seines Lebens gefunden, seine “Ruhe”.




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