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Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino



6. Der Vollendung entgegen

Stiller Dienst an vielen


heilige Josef von Copertino
“Ruhm auf der Grundlage der Demut”, hatte Pater Josef gesagt: was wissen die Menschen schon von seinem eigentlichen Reichtum, von der Herrlichkeiten der — ihnen verborgenen, für sie unverständlichen — Gaben, mit denen Gottes Liebe ihn überhäuft, aber auch von der Anfälligkeit und Gefährdetheit dieser Gaben, vom geistlichen Kampf, den er zu bestehen hat!
Natürlich werden die Krankenheilungen weitererzählt, die Nachrichten von den außergewöhnlichen, auffälligen Vorkommnissen in Assisi verbreiten sich über ganz Italien und darüber hinaus. Viele verehren den Copertiner wie einen Heiligen. Als er davon hört, vergleicht er sich selbst mit Stofflumpen, die man von der Straße aufgelesen und zu Papier verarbeitet hat, um auf sie die Worte der heiligen Wandlung zu schreiben. Er beharrt auf seinem “Recht”, in der Stille bleiben zu müssen, und nimmt die Nachrichten von draußen gelassen und ergeben hin.
Doch es sind nicht nur Nachrichten, die seine Einsamkeit erreichen, auch Besucher kommen zu ihm, und ihre Zahl nimmt zu. Jahrelang ist seine Klosterzelle Ziel von Priestern und Ordensleuten, auch solchen in gehobener, verantwortlicher Stellung, von Prälaten, Bischöfen und Kardinälen, von Rittern und Grafen, Fürsten und Vertretern der verschiedensten Herrscherhäuser und Adelsgeschlechter. Erlauchte Namen aus Kirche und Politik werden aufgeführt — es ist eine lange Liste in den Büchern des Sacro Convento an der Grabeskirche des heiligen Franz zu Assisi. Aber auch Frauen und Männer ohne Rang und Namen kommen zu ihm. Für alle hat er “Worte des Lebens”: Ermutigung und Ermahnung, Warnung und Tadel, Zuspruch und prophetische Weisung, Heilung in seelischen und körperlichen Leiden. Er versöhnt Sünder, gibt Zweifelnden Frieden, berät Hilfesuchende und bestärkt Fromme in ihrem Glauben. Wollte man alles aufzählen, man käme an kein Ende.
Am 7. Juni 1646 kommt der Botschafter beim Vatikan, früher Vizekönig von Neapel, zu ihm. Pater Josef begrüßt ihn als Marienverehrer in herzlicher Umarmung, fällt dabei in eine seiner Entrückungen und bleibt vor ihm einige Zeit reglos liegen. Als sie nach längerem Gespräch in die Basilika gehen, um die Gemahlin des Botschafters zu begrüßen, reißt es den Pater empor — er wird im Fluge zur Statue der Immaculata getragen.
Zahlreich sind Besuche aus Polen. Pater Josef hatte Kasimir Wasa die Königswürde vorausgesagt. Durch sein Beispiel werden noch andere polnische Fürsten zu Besuchen in Assisi angeregt. Genannt werden die Namen Radziwil, Zamoiski und Lubomierski. Einer der Radziwils, Herzog Sigismund, stirbt bei seinem Besuch in Assisi.
Der Herzog von Braunschweig‑Lüneburg, Johann Friedrich von Sachsen, wird, obwohl evangelischen Glaubens, durch andere deutsche und österreichische Adlige angeregt, mit dem berühmt gewordenen Mönch in Assisi zu sprechen. Diese Gespräche im Jahr 1651 werden für ihn der Anstoß seiner Konversion zum katholischen Glauben.
Andere schreiben an Pater Josef, zum Beispiel die Infantin Maria von Savoyen und eine ganze Reihe von Bischöfen, auch aus dem Ausland, wie der Bischof von Krakau und der Bischof der unierten orthodoxen Kirche von Kiew. Unter den Kardinälen hat der Copertiner Vertraute, Kardinal Benedetto Odescalchi ist uns schon begegnet. Der wird im Jahre 1676 unter dem Namen Innozenz XI. Papst, und zwar der bedeutendste seines Jahrhunderts.48 Er stirbt 1689. Reformstrenge, Standhaftigkeit gegenüber dem Absolutismus König Ludwigs XIV. von Frankreich und “makellose Ehrenhaftigkeit” zeichnen ihn aus — wirkt in ihm der Geist des schlichten Franziskaners weiter, den er als Kardinal seinerzeit in Assisi besucht hatte? Jedenfalls ist es gut, auf diesen großen Papst hinzuweisen, ehe nun von einem seiner Vorgänger, Innozenz X. (1644‑1655), die Rede sein muß.

Erneute Verbannung

Am Morgen des 23. Juli 1653 findet der stille Dienst des Franziskaner‑Minoriten in Assisi ein jähes Ende. Pater Josef wird nach der heiligen Messe ins Sprechzimmer gerufen. Man kann sich seinen Schrecken vorstellen: Statt eines Ratsuchenden wie sonst erwartet ihn der General‑Inquisitor von Umbrien mit Sekretär und vier Polizeisoldaten und eröffnet ihm den Gerichtsbeschluß des Heiligen Offiziums, ihn von seinem Orden zu trennen und in einem abgelegenen Kapuzinerklösterchen zu internieren — “ad tempus”, wie es heißt, “für einige Zeit”. Wie vom Donner gerührt, steht der Gemaßregelte da, geistesabwesend, außerstande, auch nur ein Wort zu sagen. Als ihn sein Oberer an das Gelübde des Gehorsams erinnert, wirft er sich vor dem Inquisitor zu Boden und läßt sich wie ein Sträfling ohne Widerspruch abführen. Grandi übersetzt aus dem Werk Pariscianis:
“Er trug nichts am Leibe als seinen Ordenshabit. An den Füßen hatte er bloß die Sandalen, die er nur im Hause zu tragen pflegte. Hut, Brille, Schuhe und Brevier lagen in seiner Zelle, und er hatte sie zum letzten Mal gesehen. Mit einer stummen Geste bat er den Kustos, der ihn ebenfalls stumm ansah, um seinen Segen. Noch ein letzter Blick auf die untere Basilika, wo der Leib des heiligen Franziskus ruht, der ihn durch vierzehn Jahre und drei Monate getröstet und gestärkt hatte, und der Wagen setzte sich in Bewegung, einem unbekannten Ziel entgegen. Man fuhr in nördliche Richtung ...
Nach einer eintägigen Rast im Dominikanerkloster von Città di Castello näherte sich das Gefährt der Bergkette des Apennin. Dort traten Maultiere und eine Sänfte an die Stelle des Wagens. In der Nacht vom 25. zum 26. Juli schliefen sie in Belforte am Flusse Isauro, im Palast des Statthalters Bernardino Bernardi. Dort lag ein kleines Mädchen an Fieber schwer krank darnieder. Durch das Gebet und die Anweisungen Pater Josefs wurde es geheilt. Die Nachricht davon brachte das Dorf in Aufruhr.”49
Einen anderen Kranken segnet der wie ein Verbrecher abgeführte Ordensmann, ohne ein Wort zu sagen, und der Kranke erhebt sich gesund. Seine Bewacher wundern sich über seine unerschütterliche Geduld und Güte. Endlich gelangt man ans Ziel der Reise, zur Einsiedelei San Lorenzo bei Pietrarubbia, am Berg Carpegna westlich von Urbino. Man übergibt den Gefangenen dem Guardian des Klosters, Pater Giambattista da Montegrimano, mit strengen Weisungen:
Verbot, die Zelle zu verlassen, außer zur heiligen Messe.
Verbot aller Außenkontakte, auch aller schriftlichen, auch — eigens erwähnt! — mit Kardinälen.
Verbot, Briefe zu schreiben und zu empfangen, und dies alles unter Androhung der Strafe der Exkommunikation.
Der Inquisitor verlangt noch, den Provinzoberen der Kapuziner zu sprechen, doch vergeblich; er zieht mit der Wachmannschaft wieder ab. Und da war nun der weithin berühmte Wundertäter, der Ratgeber und Helfer so vieler Menschen.

Unterscheidung der Geister


Hatte sich Pater Josef auch nur des geringsten Vergehens schuldig gemacht? Hatte das Inquisitionsgericht zu Neapel fünfzehn Jahre vorher nicht alle Vorwürfe und Anklagen streng genug geprüft und als unbegründet abgewiesen? Wie konnte das “Heilige Offizium” das Ordensleben eines offensichtlich lauteren Priesters zu einem Gefängnisaufenthalt machen und ihn zu diesem Zweck auch noch von der vertrauten Gemeinschaft seines Ordens trennen? Und das ohne Anhörung des Angeklagten, ohne Angabe der Gründe! Ist das nicht grausame seelische Quälerei? Muß sich darüber nicht jeder rechtlich Denkende empören?
Und Josef von Copertino selbst?
Der Erklärungsversuch, Josef habe sich in Assisi nicht an die Auflagen des ersten Inquisitions‑Prozesses gehalten, muß kläglich scheitern, auch der ablenkende fromme Hinweis, der Mystiker habe doch selbst vom Lärm der Welt “abgeschieden und getrennt” leben wollen, um in seiner Gebetsruhe nicht gestört zu werden. Richtig daran ist nur, daß er in der Schule Gottes, seines, wie er ihn nannte, “Novizenmeisters”, reifte: Diesmal fügt er sich ohne äußere Klage und offenbar auch ohne inneres Hadern. Er sieht in dieser Entwicklung eine Gelegenheit, noch innerlicher zu werden, sich in Geduld und Demut zu bewähren und “zu Gott aufzusteigen”. Aber das alles kann das schreiende Unrecht, das hier einem “der großen Wehrlosen der Geschichte”50 geschieht, nicht erklären, geschweige denn rechtfertigen.
Dazu sei hier ausdrücklich wiederholt, was Walter Nigg bei seinen kritischen Fragen anmerkt: Pater Josef hat sich nicht empört oder über diese Ungerechtigkeit beklagt — “so dürfen wir es auch nicht tun, oder wir werden seinem Geiste untreu”51.
Die amtliche Begründung nach außen und der Zusatz, der Gespräche und Briefwechsel mit Kardinälen ausdrücklich verbietet, sind entlarvend genug: hier sind massive Ängste und machtpolitische Intrigen im Vatikan selbst im Spiel, in einem eigenartigen gegenseitigen Zusammenspiel.
Es beginnt damit, daß der Zustrom von Menschen nach Assisi immer mehr anschwillt, darunter von in Kirche und Gesellschaft maßgeblichen Leuten. Vor allem die vertrauten Beziehungen von Kardinälen zu dem einsamen Mönch in Assisi erregen “bei Hofe” Aufsehen und Besorgnis — wird da nicht über den nächsten Papst verhandelt? Hat der Copertiner nicht dem Bischof von Camerino, Emilio Altieri, vorausgesagt, er werde Papst (später wurde er es tatsächlich: Klemens X., von 1670 bis 1676)? Aufregung verursachte vollends eine mißverständliche (oder mißverstandene und entstellte?) Äußerung Pater Josefs über den Nachfolger des regierenden Papstes Innozenz X; man deutete sie als Prophezeiung seines baldigen Todes (der Pamfili‑Papst starb 1655). Der Papst galt als strenger Jurist und unberechenbar und wußte das — hatten sich Bischöfe und Kardinäle beim Copertiner über ihn beklagt?
Dazu kommt noch ein in ganz Italien bekannter Skandal: Dieser Papst stand so sehr unter dem Einfluß seiner Schwägerin Olimpia Maidachini, daß sie in Rom offen als die “Papessa” verhöhnt werden konnte. Mit ihrer maßlosen Herrschsucht erfüllte sie den Vatikan mit Intrigen, Gezänk und Machtkämpfen — “eine der abschreckendsten Frauen des damaligen Roms”.52 Kein Zweifel, daß Josef von Copertino, der seine Mahnungen und Weisungen ohne Ansehen der Person äußerte, zu diesem offenen Skandal der Kirche seine Meinung deutlich gesagt haben wird und daß das am päpstlichen Hof hinterbracht wurde.
Dazu kamen schließlich auch Rangeleien und Eifersüchteleien um seine Person selbst und bevorzugte Besuche bei ihm. Das führte sogar zu diplomatischen Belastungen, Assisi liegt auf dem Gebiet des Vatikanstaates. Die Herzogin von Mantua zum Beispiel war bei Josef von Copertino, also mußte die von Parma ebenfalls zu ihm dürfen, um sich “dieses Wunder des Jahrhunderts” anzusehen. Als die Nachricht eintrifft, daß auch noch die Kaiserin Elenore sich mit dem guten Pater aussprechen wollte, fällt die Entscheidung des Heiligen Offiziums.
Beim Versuch, die Verantwortlichen zu verstehen, sehen wir uns an solche und ähnliche leidvolle Erfahrungen der Kirche verwiesen: Wie vorsichtig muß sie bei außergewöhnlichen Phänomenen vorgehen, wie schwierig erweist sich immer wieder Unterscheidung und Scheidung der Geister. “Es gibt keinen Heiligen, der mehr als er [Josef von Copertino] die Menschen in dem, was ihnen gewohnt ist, in Verwirrung bringt.”53 Die Gefahr alles Außergewöhnlichen, die Sensationsgier der Schaulustigen ist gerade im Leben dieses Mystikers greifbar. Dazu kommen die Furchtgefühle, die alles unmittelbare Aufscheinen des Numinosen hervorruft, das Erschreckende und für den Menschen Beunruhigende, ja Unheimliche in den Phänomenen, die das greifbar wirkliche Handeln Gottes auslösen kann. Walter Nigg spricht in diesem Zusammenhang von der “Angst vor dem realen Heiligen”.54
Jedenfalls: Josef wird aus Angst vor Schaden — welchem auch immer — aus der Öffentlichkeit verbannt und “versteckt”. Damit jedoch wird das Licht, das hätte leuchten sollen und können, “unter den Scheffel gestellt” (Mt 5, 15), die Gabe, die der Kirche seiner Zeit in diesem ganz “von Gott ergriffenen Menschen” angeboten ist, nicht angenommen. So deckt Josef von Copertino ungewollt nicht nur den Zustand vieler Menschen auf und bringt sie zum Nachdenken, wenn nicht heil-samen Erschrecken, er entlarvt auch vor aller Welt beschämende, skandalöse Zustände in Kirche und Gesellschaft seiner Zeit.
Und er selbst?
Was auch immer um ihn herum geschehen mag — innerlich bleibt er unangreifbar.




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