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Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino



5. Die größte aller Gaben

Gaben ohne Liebe — nichts


heilige Josef von Copertino
Außergewöhnliches erregt naturgemäß Aufsehen. Auffällige Gaben und Taten interessieren mehr als Alltägliches. “Leuchtende Charismen” (vgl. 1 Kor, 12. bis 14. Kapitel) beeindrucken mehr als “schlichte”, die im stillen, verborgenen, im normalen Alltag wirken. Und doch sind auch so wunderbare Gaben wie prophetisches Reden, Erkenntnis aller Geheimnisse, ja eine Glaubenskraft, die Berge versetzen könnte, nichts ohne die Liebe: “Nichts — nichts — nichts”, schreibt Paulus den Christen in Korinth. Und fügt eine ganz nüchterne Beschreibung der Liebe und ihrer Umsetzung in den grauen Alltag an. Dem “Nichts” setzt er das “Alles” der Liebe entgegen: der Liebende hat alles, Geduld, Glaube, Hoffnung, Stehvermögen — “doch am größten ist die Liebe”, sie ist der Weg, “der alles übersteigt”. Strebt also nach der Liebe, ja: jagt der Liebe nach!”
Daraus ergibt sich doch auch, daß gerade außergewöhnliche, aufsehenerregende Geistesgaben sich dieser Echtheitsprüfung stellen müssen:
‑ ob sie aus der Liebe kommen,
‑ ob sie durch die Liebe geformt sind und
‑ ob sie die Liebe wirken, die “Frucht des Geistes” (siehe Gal 5, 22 f).
Damit nähern wir uns — bei allen bisher erzählten wunderbaren oder doch staunenerregenden Vorkommnissen aus dem Leben Josefs von Copertino seinem eigentlichen Geheimnis.

Hingerissen von Gottes Liebe

Die Berichte aus dem Leben dieses Mystikers (Mysterium, das heißt doch “Geheimnis”) lassen erkennen, daß seine außergewöhnliche ekstatische Begabung nichts anderes als die erkennbare “äußere” Seite einer überstarken “inneren” Ergriffenheit durch Gottes Liebe und überwältigende Größe ist. Sie ist es (und nicht eine lebhafte Phantasie oder parapsychologische Vorgänge), durch die er “hingerissen” wird und “außer sich” gerät.
Liebe — das ist für ihn nicht ein Wort oder bloßes Gefühl, sondern er erfährt sie wie einen “Strom, der alles überflutet”, wie “Flammen, die alles verzehren”. Das “innere Licht” erfüllt ihn so sehr, daß er “ganz von Sinnen” ist. Nur die eine Sehnsucht ergreift ihn: die Fülle dessen zu erfahren, der ihn liebt und von dessen Liebe sein Herz entbrannt ist.
Das ist das Geheimnis seines Lebens: die Berufung, ein staunen‑, ja furchterregendes unübersehbares Zeichen der Macht und Liebe Gottes und ihres Wirkens in der Schwachheit eines Menschen darzustellen. Es muß sichtbar machen, greifbar werden lassen, was auch ohne jede menschliche Voraussetzung geschehen kann, wenn der Geist Gottes einen Menschen ergreift und ihn ungehindert erfüllt — und wenn dieser Mensch in seiner Schwachheit sich dem überläßt. Es ist, als veranschauliche “der eine Geist” im Leben und Wirken dieses armen Menschen, der, wie er selbst von sich sagt, “zu nichts nütze” scheint, seine verschiedenen Gaben zum Nutzen und Heil vieler Menschen. Freilich wird es nur dann anschaulich, wenn der Betrachter offen genug ist, dieses innerste Geheimnis darin zu entdecken, “das Größte, die Liebe”.

Reifung zur Liebe

Heilige werden nicht heilig durch das, was sie “nach außen darstellen”, sondern durch das Wirken der Macht und der Liebe Gottes, also des Heiligen Geistes, zunächst in ihrem Herzen. “Die Diener Gottes gehen zu leichtsinnig aus sich heraus”, klagt Josef von Copertino, “das Große im Menschen liegt in seinem Inneren. Dort liegt sein Wert. “ Auch Josef Maria Desa mußte das erst “lernen”. Die zahllosen Prüfungen im Laufe seines Lebens, schmerzhafte Erfahrungen im menschlichen und im kirchlichen Bereich, Verkennung und Ungerechtigkeiten läutern ihn und lassen ihn fortschreitend den großen inneren Reichtum erkennen, der ihm angeboten ist. Es hat ihn nach eigenem Zeugnis “so viele Tränen gekostet, daß er diesen Schatz nicht um tausend Welten eingetauscht hätte”.36 Darum sind ihm Streben, Askese, Abtötung, Verzicht und Selbstverleugnung so wichtig, darum und nicht um ihrer selbst willen. Deshalb ist ihm der Gehorsam “wie ein Messer, das den Eigenwillen tötet, um ihn Gott zu weihen”.37
Die Liebe schärft ihm den Blick für seine eigenen Fehler. Er sieht sich als Wurm oder Lasttier, kommt sich vor wie ein unnützes Stück Lappen. Es genügt, so meint er, sich selbst nur aufmerksam zu betrachten, um seine Schwächen zu erkennen. “Untreue, Trägheit, Eitelkeit, Empfindlichkeit sind ihm wie Staub in einem Krug Wasser.” In seiner Liebe weiß er, wie große Gnaden er unverdient von Gott erhalten hat, und bleibt sich bewußt, daß er sich selbst oder irgendeiner eigenen Leistung nichts verdankt. Er ist wie ein Armer königlich beschenkt und bleibt doch vor Gott und den Mitmenschen der Arme, der er ist. Alle Verehrung, die ihm andere erweisen, und alle außergewöhnlichen Fähigkeiten machen ihn deshalb auch nicht stolz oder überheblich: “Wer die Liebe hat, ist reich und weiß es nicht.”38
“Die Seele gleicht einer Königin, die Sinne des Leibes ihren Dienerinnen. Tritt die Seele in das Gemach des Königs ein, dann bleiben die Sinne draußen, von keiner Regung bewegt. Die Seele selbst aber ruht völlig im Besitz des Schöpfers.”39

Erfahrungen eines Liebenden

Wir können uns diesem, wie wir es nannten, Geheimnis seines Lebens — überhaupt dem Leben eines jeden Mystikers — nur behutsam nähern. Die Zeugnisse für diesen Bereich sind bei Josef von Copertino so zahlreich, daß sie ein eigenes Buch füllen. Hier seien nur einige herausgegriffen:
Seine Liebe zu den Tieren und zur Schöpfung insgesamt, von der wir schon sprachen, ist — wie bei Franz von Assisi — Ausdruck seiner Liebe zum Schöpfer und nicht Naturschwärmerei. Die Blumen, die Vögel, das Johanneskäferchen, die Würmchen, die Natur in ihrer Vielfalt und Schönheit, in ihrer Lebenskraft und Ordnung sind dem Franziskaner Abbild und Gleichnis der Schönheit, Macht und Größe Gottes. Die Menschen sollten das, mahnt Pater Josef, doch erkennen, sich dessen freuen und Gott dafür danken, ihm, dem Schöpfer, in Liebe und Lobpreis dienen.
Die Menschen sollten sich mit dem Gebrauch und Besitz der geschaffenen Dinge und der Freude an ihnen nicht begnügen, das wäre so widersinnig, wie wenn einer “sich die Brille aufsetzte, um bloß die Brille zu sehen anstatt die Dinge in der Ferne ... Durch die äußeren Dinge gelangt Gott bis zur Tür unseres Herzens, durch die inneren jedoch tritt er zu uns ein und bleibt im Herzen.”40 In den notwendigen Dingen des täglichen Lebens erfährt er Gottes Fürsorge und seine Tag für Tag erneuerte Zärtlichkeit.
Josef warnt die Menschen vor “eitlen Sorgen” und dem Streben nach Reichtum und Wohlleben, Macht und Erfolg; er bedauert sie wegen der unausweichlichen Enttäuschungen, die sie sich dadurch einhandeln, und hat Mitleid mit ihnen wegen ihres “fortwährenden Versagens”. Wie der Kaufmann im Evangelium gibt er uneingeschränkt alles weg, er übergibt es Jesus, um den Schatz im Acker, die kostbare Perle der Liebe zu gewinnen (vgl. Mt 13, 44‑46), und ist auf der Hut, sein Talent nicht wie der nichtsnutzige Diener im Gleichnis (vgl. Mt 25, 24‑30) ungenutzt zu vergraben.
“Wer liebt, der rastet nicht. Er fürchtet, daß er zu wenig liebt. Er hütet eifersüchtig das Gegenüber seiner Liebe, und je mehr er liebt, desto mehr fürchtet er, daß er nicht liebt, und ist unruhig. Aber er wird dadurch nicht verwirrt und erträgt alles, weil er liebt.”41
Eine solche Unruhe hat ihn ergriffen, und er versteht sie als Wachstum und Reifung der Liebe, als seinen Weg der Heiligung und Einigung mit seinem Gott. Sie ruft geradezu körperliche Schmerzen in der Herzgegend hervor, der Brustkorb weitet sich, er muß den Arzt befragen.

Liebe und Leiden

Leiden sind diesem Liebenden wie Stufen zu noch größerer Liebe:
“Aus Liebe zu Gott leiden, ist eine hohe Gunst, deren der Mensch nicht würdig ist. Der Mensch dankt Gott bloß, wenn dieser ihm Gutes tut, aber das Leid ist eine höhere Gunst als die Freude. Jesus hat, um uns zu erkaufen, nicht Gold und Silber gegeben, sondern Schmerzen, Pein und Tod. Er will aber auch, daß der Mensch es ihm mit gleicher Münze zurückzahle ... Wie es Hammerschläge braucht, um das Bildnis des Fürsten einer Münze aufzuprägen, so gibt Jesus Christus seinen Aufdruck seinen Dienern durch Hammerschläge mannigfacher Prüfungen und Bedrängnisse.”42
Josef sieht den Reichtum der Gnadengaben Gottes für den Menschen nach dem Sündenfall wie in einem Berg tief verborgen. Um diese Schätze zu heben, braucht es Mühe und Anstrengung und die Bereitschaft, sich von Gottes Liebe “prägen” zu lassen, auch wenn Läuterung und Umformung schmerzhaft sind. So kann Gottes Meisterwerk in uns gelingen: die Umgestaltung in Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen.
“Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleichgestaltet werden ...” (Phil 3, 10: “...sein Tod soll mich prägen!”).
Unser Mystiker erfährt die Ereignisse des Lebens und Leidens Jesu lebendig mit, als gegenwärtiges Geschehen. Am Palmsonntag, während der Verlesung der Passion, fällt er bei den Worten “Ans Kreuz mit ihm!” wie tot um und ist selbst dem Tode nahe. Beim Bericht über die Bekehrung des heiligen Paulus hört er die Worte Jesu “Warum verfolgst du mich?” und schlägt rückwärts hin, die Arme in Kreuzform ausgebreitet. Er stellt sich selbst die Frage: Warum trauere ich so um den Tod Jesu, der doch so lange zurückliegt? und erhält die Antwort:
“Meine Bereitschaft, für dich zu sterben, besteht immer ... Wenn mich jemand ... schauen will, werde ich mich ihm so zeigen, wie er mich sehen will, als Kind, als Gegeißelter, als Gekreuzigter ... Denn meine Liebe erscheint in der Form, in der die Menschen sich meiner erinnern und mich betrachten.”43
“Einer und eine” — das wiederholt er oft: Gott und die Seele, die Begegnung zweier Liebender. In der Feier der Eucharistie findet diese Einigung ihren Höhepunkt.

Gottes‑ und Nächstenliebe


Solche Erfahrungen der Gottesliebe befreien den Menschen von sich selbst, führen ihn aus der Verfangenheit ins eigene Ich heraus und machen ihn auch zur Nächstenliebe fähig:
“Je mehr man Gott dient, desto mehr wird man sich mit der Liebe schmücken, und weil diese nicht das Eigene sucht, drängt sie immer zur Tätigkeit im Dienste des Nächsten. So haben es viele hervorragende und heilige Menschen gemacht, die wohl öfter an ihre Todesstunde dachten und doch Bücher schrieben und Fabriken gebaut haben und anderes mehr.”44
“Die Liebe zu Gott und die Nächstenliebe bilden das Fundament unseres Glaubens ...” Wo Liebe das letzte Wort behält und die Beziehungen der Menschen zueinander prägt, werden Einheit und Friede geschaffen und erhalten. Umgekehrt kann man an der Einheit in einer Gemeinschaft ablesen, “ob Gott dabei ist”.45
Durch die Liebe wird der Mensch wie von selbst fähig zum Gehorsam, zur “gegenseitigen Unterordnung”, von der in den Paulusbriefen manchmal die Rede ist (zum Beispiel in Eph 5, 21). Auch die Demut gelingt durch die Liebe wie von selbst: ein Mensch, der liebt, ist auch demütig (“zum Dienen mutig”) und weiß es nicht — er liebt ja. Josef von Copertino ist wie eine Veranschaulichung dieser Grunderfahrung echten Tugendstrebens.
Auch im anhaltenden Gebet dient er den Menschen vor Gott. Er tritt für die Kirche ein, für den Papst und die Bischöfe, für die Irr‑ und Ungläubigen, wie er ausdrücklich sagt, und es ist “falsch”, für andere nicht zu beten, wenn sie “einen anderen Glauben haben” (das sagt er in den Jahren, in denen in Mitteleuropa der Dreißigjährige Krieg zu Ende geht). Am meisten setzt er sich vor Gott für die Armen und Kranken ein:
“Man muß mit dem Nächsten Mitleid haben, schon mit Rücksicht auf das Leiden Christi. Gott läßt uns die Beschwerden des Nächsten mitfühlen, damit wir dabei Gelegenheit haben, das Leiden Christi zu betrachten. ... der aus Liebe zu Gott Unbill erlitten hat, verdient hohe Achtung und Verehrung, er ist Gott geweiht.”46
Seine Gaben stehen ganz im Dienst der Mitmenschen, für ihn selbst unverfügbar. Und je mehr er aus der Öffentlichkeit zurückgezogen wird, um so verfügbarer wird er gerade mit der Kraft des kontemplativen Lebens, des immer währenden geheimnisvollen Einsseins mit Gott in der Liebe “in die Kirche hinein”.
“Wer die Liebe hat, ist reich” — für die anderen.

Überschwengliche Freude

Bei allem erfährt er so überschwengliche Freude, daß er ganz und gar außer sich gerät, sie reißt ihn buchstäblich hoch. Immer wieder gibt er seiner Freude Ausdruck im Singen und durch schlichte Lieder und einfache Liedverse, gerät ins Jubilieren und Tanzen, auch hierin seinem Ordensvater Franziskus ein wenig ähnlich. Er schnitzt sich eine grobe Hirtenflöte, um die Melodien seiner Freude, wie sie ihm einfallen, spielen zu können. Seine Brüder singen mit, lernen sie auf diese Weise und behalten sie im Gedächtnis. Sie werden ihn bis in den Tod begleiten.
Die Texte erwachsen aus konkreter Betrachtung der Heilsgeheimnisse, sicher keine Zeugnisse der Dichtkunst oder der Theologie, sondern schlichte Äußerungen eines liebenden, begeisterten Herzen. Zwei Beispiele (in der Übersetzung von Grandi47) seien hier angeführt:

Weihnachtslied
Über Wiesen und Felder
gehe ich suchend dem Herrn entgegen
und wandre und wandre Stunde um Stund
und singe und spiele mit Herz und Mund
inmitten der frohen Hirtenschar:
Es lebe mein Jesus immerdar!

Pfingstlied
Feuer heiliger Liebe, dringe
tief in unsre Herzen ein
und zu reiner Liebe zwinge
sie mit deinem Feuerschein.
Erleichterst alle Last,
schenkst Ruh in aller Hast.
Liebe, bleibe meiner Seele Gast!




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