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Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino4. Mystische Erfahrungen Außergewöhnliche Gaben
Ein Zeuge wird später aussagen: “Es gab niemanden in der Stadt, der in seiner Not nicht bei ihm Zuflucht suchte und um seine Fürsprache bat.” Auch der Bischof Baglinioni Malatesta holte sich öfter bei ihm Rat. Auf seine Fürbitte hin bleibt Assisi von den Schäden eines Krieges bewahrt. Sein Ruf verbreitet sich — ohne sein Zutun, ja gegen seinen Willen — in den Dörfern und Städten des ganzen Landes und darüber hinaus, zumal Assisi ja von vielen Pilgern aus ganz Europa aufgesucht wird. Nun wird, wie ausdrücklich vermerkt ist, die Stadt des heiligen Franziskus auch durch ihn zur “Stadt auf dem Berge”, sein Leben zu einem “Licht auf dem Leuchter”. Die Aufmerksamkeit, mit der man ihn jetzt behandelt, kommt ihm unverdient und übertrieben vor. Aber als Abgeordnete des Magistrats ihm feierlich ein offizielles Dank‑Diplom der Stadt Assisi überreichen, trägt es ihn in großer Freude bis an die Decke empor. Nachher eilt er an das Grab des Ordensvaters und bittet ihn um Verzeihung, daß er einmal von Assisi fortwollte. Er hatte sich in seine Verbannung ergeben, Ruhe und Friede waren wieder in sein Herz eingekehrt. Neun Jahre sollte er noch in Assisi bleiben und wirken. Er verbringt diese Zeit in möglichster Abgeschiedenheit, in äußerster Armut und Bedürfnislosigkeit, fastend und dem beschaulichen Gebet hingegeben, in nächtelanger vertrauter Zwiesprache mit seinem Gott. Am liebsten hält er sich am Grab des Ordensvaters vor dem Tabernakel auf oder vor der Marienstatue. Oft reinigt er sein Gewissen im Bußsakrament. Seine tägliche Meßfeier dauert über zwei, manchmal bis zu fitinf Stunden, wenn ihn mystische Erfahrungen entrücken. Dabei ist er bemüht, sich genau an den Ritus und die Gebete zu halten. Allzu hastige Priester vergleicht er mit Menschen, die zu heiße Bissen nicht im Mund behalten können und unzerkaut herunterschlucken. Im kontemplativen Gebet, in der Nähe des Tabernakels, in der Feier der Eucharistie findet er die Erfüllung seiner Sehnsucht, oft reißt es ihn geradezu in die Höhe, oder er gerät so außer sich, daß er lacht und weint, zittert und tanzt wie ein Betrunkener. An seinem äußeren Verhalten, seiner Haltung und seinen Gebärden kann man ablesen, was ihn innerlich bewegt, an dem körperlichen Emporgehobenwerden seinen geistigen Aufstieg zu Gott, an dem Flug nach vorn sein großes Verlangen nach Vereinigung mit Gott, am schwebenden Zurückweichen seine Demut und menschliche Unwürdigkeit vor dem Heiligen. Das “Gleichgewicht” zwischen der natürlichen Schwerkraft und seinem geistlichen Aufschwung, zwischen dem normalen sinnenhaften Leben und religiöser Entrücktheit ist auf schmalem Grad so “fein eingestellt”, daß es oft nur eines geringen Anstoßes bedurfte, um ihn ganz “außer sich” zu bringen.30 Für viele wird er zur lebendigen, anschaulichen Darstellung des Ergriffenseins von den Heilsgeheimnissen, des Aufstiegs eines Menschen zu Gott. Er wehrt sich gegen alle Neugier anderer, entschuldigt sich immer wieder wegen seiner Hinfälligkeit mit “Krankheit” und erklärt seine häufigen Entrückungen als Schlaf. Ja, er bittet Gott darum, ihn von auffälligen Zuständen zu befreien. Doch sie werden fast zum Dauerzustand, kommen plötzlich und unvermittelt über ihn, auch mitten in einem Gespräch, manchmal schon beim bloßen Gedanken an eine Glaubenswahrheit oder ein Lied. Von Predigten, die er, den Blicken anderer entzogen, im kleinen Chorraum hört, läßt er sich so packen, daß er manchmal laut aufschreit und buchstäblich “hingerissen” wird. Ohne daß er es weiß, bemerken andere in seiner Gegenwart einen angenehmen Wohlgeruch. Als er darauf angesprochen wird, verweist er ablenkend auf die Blumen in der Nähe. Die Gabe der Heilung Eines Tages beobachtet man, wie er einen Hinkenden heilt. Man wird aufmerksam auf andere Heilungen. Durch seinen Segen oder durch eine Berührung mit der Hand vergehen Schmerzen und Geschwüre. Einen offensichtlich Verwirrten — der Name des Ritters wird ausdrücklich genannt — packt er, hebt ihn empor und heilt ihn so während einer seiner Ekstasen. Sogar von seinen Kleidungsstücken geht heilende Wirkung aus. Er versucht, von seiner Person abzulenken, nimmt Öl vom Bild des heiligen Franziskus und spricht das Segensgebet des Heiligen: “Der Herr segne und bewahre dich ...” (vgl. Num 6, 22‑24). Durch ein Blatt mit diesem Segen wird ein sterbendes Kind gesund. Solche Blätter wandern von Hand zu Hand, werden abgeschrieben und machen seinen Ruf in ganz Europa bekannt. Aus vielen Orten kommt die Nachricht auffälliger Heilungen durch diesen Segen. In Polen erhält ein Blinder sein Augenlicht wieder. Oft genügt es, daß Hilfesuchende aus der Ferne zu ihm rufen, er “vernimmt” es und betet für sie. Seeleute werden aus Seenot gerettet, während er in Assisi auf den Knien liegt. Der Neffe des Bischofs von Perugia wird in der Stunde von seiner schweren Lähmung befreit, in der Boten die Bitte um Gebetshilfe überbringen und Pater Josef für den Kranken zu beten beginnt. Er erscheint einem Schwerkranken am Bett, verspricht ihm Genesung und verschwindet wieder. Seine Mutter, so wird berichtet, muß ihn noch in ihrer Sterbestunde gesehen haben und stirbt getröstet mit den Worten: “O Giuseppe, mein Sohn!” Die Anwesenden können sehen, wie ein Lichtstrahl durchs Fenster fällt und die Sterbende ihm zuwinkt. Die Prophetengabe 1647 erlebt er die blutige Revolution in Neapel mit, als wäre er selbst mitten in diesem Aufruhr, rettet aus der Ferne Menschen, die nach ihm rufen, aus Todesangst, schützt auf wunderbare Weise aus diesem Bruderzwist Bekannte vor Mördern. Am 29. Juli 1644 sagt er vor der heiligen Messe: “Der Papst ist gestorben. Am Sonntag wird das auch hier in der Stadt bekannt sein” und feiert das Totengedächtnis für ihn. Erst am folgenden Sonntag gelangt die Nachricht vom Tod Urbans VIII. nach Assisi. Immer wieder kündigt er die Heilung eines Kranken an: “Sag ihm, er soll Vertrauen haben, er wird gesund.” Und es tritt jedes Mal so ein. Geburt und Tod sagt er voraus und stärkt und tröstet Leute vor großem Leid, das er kommen sieht — offenbar werden nicht alle geheilt und vor Leiden bewahrt. Er prophezeit zwei Priestern die Ernennung zum Bischof, dem Kardinal Emilio Altieri von Camerino die Wahl zum Papst, dem Kardinal Odescalchi schnelle Hilfe in einer Hungersnot in Ferrara. Erkenntnis und Weisheit Die Quellen listen geradezu die vielfältigen Gaben auf, die in Pater Josef wirksam waren: die Gabe der Herzenskenntnis zum Beispiel, von der schon die Rede war, jetzt geläutert durch große seelsorgliche Behutsamkeit, die auf Buße, Lebensumkehr und Beichte abzielt. Die einen bewahrt er durch Blicke und mahnende Worte vor schwerer Schuld, anderen deckt er ihren Seelenzustand auf, daß sie einsichtig werden. Einen Adligen fragt er mit Blick auf seinen Pagen: “Woher hast du denn diesen Mohren?” und bewegt den jungen Diener zum Beichten: “Geh und wasch dich rein, mein Sohn!” Unzuchtssünden empfindet er als unerträglichen Gestank und die Menschen als abstoßend: “Habt ihr mit Tinte gearbeitet und euer Gesicht damit besudelt? Geht und wascht euch!” Gelehrte und Wissenschaftler bezeugen, wie Pater Josef mit einer solchen Klarheit und Tiefe der Erkenntnis und des Wissens über die Glaubensgeheimnisse sprechen konnte, daß sie darüber staunten. Aus seiner mangelhaften Ausbildung konnte das nicht stammen. Pater Bonaventura Clavero, Rektor des Universitätskollegs zu Potenza und später Bischof, kommt eigens nach Assisi, um monatelang täglich mit dem schlichten Franziskaner geistliche Gespräche zu führen, über schwierige theologische Fragen wie Gnade und Freiheit, Sünde und Rechtfertigung und die Verantwortlichkeit menschlichen Handelns. “Seine Worte waren wie von einem übernatürlichen Licht beleuchtet und wie von oben her eingegeben.” Kardinal Facchinetti legt ein ähnliches Zeugnis ab: “Wenn er von Gott sprach, verband er seine eigenen Erfahrungen mit den Ergebnissen der Wissenschaft, entzückte durch seine Einfachheit das Herz und erfüllte mit seiner Lehre den Geist. Ich hörte ihn über das Thema Natur und Gnade wunderbar sprechen und mit herrlichen Ausdrücken das göttliche Wirken der Gnade und die Freiheit des Menschen darlegen.”31 Der Unwissende und nur schlecht und recht Ausgebildete — er verstand gerade das gewöhnliche Latein — versteht und beantwortet auch schwierige Fragen klar und aus tiefer Erkenntnis. Der Kardinal Brancati, selbst ein bekannter geistlicher Schriftsteller und vormals Lektor an der Sapienzia in Rom, erwähnt ihn in seinen Werken und beruft sich in seinem Buch “Über das Gebet” bei seinen Ausführungen über die Mystiker auf “seinen Lehrer”Josef von Copertino. Läuterung Wie gefährdet solche außerordentlichen Gaben sein können — auch das zeigt das Leben unseres Mystikers. Es gibt neue Schwierigkeiten, eine neue Leidensgeschichte beginnt. Bis April 1646 hatte Pater Josef die heilige Messe öffentlich feiern können. Die Schar Andächtiger, aber auch bloß Neugieriger nimmt zu. Die Sensationsgier der Leute gewinnt immer mehr Oberhand, Schaulustige vergessen jede Zurückhaltung, Aufdringliche bedrängen ihn. Ihm kommt es vor, als liege er verschüttet unter einem Steinhaufen: “Wenn die Frauen mit mir reden und rechten wollen, müssen sie es so machen, wie diejenigen, die zum Brunnen gehen, um Wasser zu holen. Sie holen sich Wasser, lassen aber den Brunnen dort stehen, wo er ist.”32 Er versucht, jedes Aufsehen zu vermeiden, aber die auffälligen Vorkommnisse stehen nicht in seiner Verfügung, er kann sie weder hervorrufen noch verhindern. Schließlich bittet er seine Oberen um Hilfe. Innozenz X., seit zwei Jahren Papst, war vorher der gestrenge Sekretär des Inquisitionsprozesses gegen Pater Josef. Jederzeit muß mit Wiederaufnahme des Verfahrens gegen ihn gerechnet werden. Um dem zuvorzukommen, verbieten die Verantwortlichen ihm, die Eucharistie öffentlich zu feiern. Er zieht sich in eine abgelegene Hauskapelle zurück und erfährt eine Fülle von Freude. Zugleich empfindet er das Unverständnis und Haschen nach Sensationen in der Öffentlichkeit als kränkend. Wiederum werden alte Vorwürfe und Anklagen laut und bleiben ihm nicht verborgen. Man schwätzt über ihn hinter seinem Rücken, verdächtigt ihn als “Gefangenen des Heiligen Offiziums”, hält ihn für geistesgestört oder gar vom Teufel besessen. Gegner feinden ihn an, Freunde lassen ihn im Stich, andere fühlen sich durch seine Zurückhaltung beleidigt. Man überwacht eifersüchtig alle Vorkommnisse und sucht geradezu nach Anlässen zu Kritik und Vorwürfen gegen ihn. Es kommt sogar soweit, daß sich Leute krank stellen oder Hilfsbedürftigkeit heucheln, um seine Heilkraft und Heiligkeit herauszufordern oder “auszuprobieren”. Bei alldem erfährt Josef von Copertino immer deutlicher Anfälligkeit und Verletzlichkeit, sein von Natur aus reizbares, heftiges Temperament bleibt nicht unberührt davon. Aber schon deshalb sieht er sich außerstande, sich zu wehren oder etwas zu seiner Rechtfertigung zu unternehmen. In dieser inneren Zerrissenheit wird er mißtrauisch und sagt sogar einem Besucher ganz offen: “Du denkst schlecht von mir.” Und einmal kommt ihm eine Art Genugtuung erschreckend zu Bewußtsein, als er erfährt, daß “der Herr dann und wann solche strafte, die ihm übel gesinnt waren”.33 Von neuem kommen schwere Anfechtungen über ihn, seine erzwungene Einsamkeit macht ihm zu schaffen, Ängste und Zweifel bedrängen ihn, Schlaflosigkeit bei großer körperlicher und geistiger Müdigkeit quält ihn zusätzlich. Es drängt ihn, zu den Kranken und Unwissenden hinauszugehen und sein Leben, auch als Blutzeuge, wenn es sein könnte, für das Evangelium einzusetzen. Es wird ihm geradezu unerträglich, nicht als Priester wirken, keine Sakramente spenden, nicht predigen zu dürfen. Zu den festlichen Prozessionen ziehen seine Brüder hinaus, ihn lassen sie einsam im leeren Kloster zurück, in tiefster Depression. Einmal bemerkt er zu einem Mitbruder: “Wenn jemand nach mir fragt, sag ihm, ich bin ein toter Mensch. Die anderen Ordensleute haben das Glück, die Kirche besuchen zu dürfen, ins Chor zu gehen und all das zu tun, was die Ordensregel vorschreibt. Ich dagegen bin unnütz und kann nichts Brauchbares leisten.”34 Muß er erst im eigenen Leben ganz persönliche Schwäche, Torheit, Erniedrigung und Ohnmacht erfahren, damit Gott sich in ihm als der Weise und Starke beweisen kann? Muß auch in ihm erst alles “vernichtet” werden, damit Gott ihn erwählen kann, um durch ihn alles “Weise und Starke in der Welt zuschanden zu machen”? — “Das, was nichts ist, hat Gott erwählt, um das, was etwas ist, zu vernichten” (vgl. 1 Kor 1, 28). Er erkennt die Läuterung und Einübung in das Loslassen eigener, auch religiöser Wünsche und Vorstellungen — ein weiteres “Sterben des alten Menschen”, damit der “neue Mensch” erstehe “nach dem Bilde Gottes, in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit” (Eph 4, 29). Und er nennt Gott seinen “guten Novizenmeister”35, der ihm “seinen Ruhm auf der sicheren Grundlage der Demut” bereite. Ruhm auf der Grundlage der Demut! In seiner äußeren Situation tritt eine gewisse Entlastung ein. Er hat einflußreiche Freunde. Kardinal Odescalchi, der spätere Papst Innozenz XI., sucht ihn persönlich auf und tritt in aller Öffentlichkeit und vor dem kirchlichen Gericht allem bösen Gerede über ihn entgegen. Dem Volk wird wieder erlaubt, an der heiligen Messe Josefs teilzunehmen. Trotz seines anfänglichen Widerstrebens fügt sich Josef und unterwirft sich in allem den Weisungen seiner Oberen. Dann und wann widersetzt er sich ihnen auch, wenn er überzeugt ist, “einer höheren Weisung folgen zu müssen”. Auf dem Wege des Gehorsams und der Demut reift er zum vollkommenen Zeugen der größten aller Gaben, der Liebe. Weiter gehts auf der nächsten Seite ===>>>
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