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Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino



3. Heuchler oder Heiliger?

Aufsehen in der Öffentlichkeit


heilige Josef von Copertino
Die Auseinandersetzungen um Josef von Copertino werden härter. Nicht nur Gutwillige und Wohlmeinende kommen zu ihm, nicht nur wirklich Bedrängte und Hilfesuchende. Erste Schwierigkeiten werden sichtbar: Da vergißt jemand, sein vor einer Heilungsbitte gegebenes Versprechen einzulösen, dort hält sich ein Kranker nicht an den Rat Josefs, zum Arzt zu gehen, andere werden trotz ärztlicher Behandlung und trotz Josefs Gebet nicht geheilt.
Einen nachlässigen Priester weist der sonst so liebevolle und demütige Minorit in aller Öffentlichkeit scharf zurecht. Viele beginnen ihn wegen ihres sündhaften Lebenswandels zu fürchten und wagen sich nicht in seine Nähe. Wer ihm begegnete, mußte ja damit rechnen, daß er ihn bis auf den Grund seines Herzens durchschaute und vielleicht sogar “aufdeckte”. Pater Josef kündet ohne Ansehen der Person Strafen an, die bei Unbußfertigkeit auch eintreten, und spart nicht mit Vorhaltungen, ehe er für jemanden betet.
Don Orazio Saluzzo, ein Baron von Lèquile, provoziert ihn und sticht auf ihn ein, als er ihn zur Rede stellte. Josef sagt ihm den baldigen Tod voraus, um ihn zur Einsicht zu bringen, und mahnt ihn, die Sakramente zu empfangen. Der Baron stirbt versöhnt am 11. September 1634.
Josefs Vorgesetzte greifen ein, mahnen ihren Mitbruder zu seelsorglicher Klugheit und Mäßigung und verbieten ihm, Mitmenschen so deutlich die Wahrheit zu sagen. Daraufhin kleidet Josef seine Mahnungen in bildhafte Sprüche ein, die künftig für ihn bezeichnend sein werden:
“Meine Kinder, haltet eure Armbrust bereit, sonst kriegt ihr den Vogel nicht. Gott ist wie der Vogel und ihr müßt euren Blick auf ihn gerichtet und die Armbrust in Anschlag halten, sonst bekommt ihr ihn nicht!'
Und wenn er einen Verweis geben mußte, tat er es nun schonender: “Ihr habt eure Armbrust nicht auf das Ziel gerichtet.” Oder: “Geh und bring deine Armbrust in Ordnung. Sie hat weder Pfeil noch Sehne.” — “Die Sehne ist zu schlaff.”24
Unruhe in der Bevölkerung kommt auf. Wenn der Minorit mit Hochgestellten zu tun bekommt, fühlen sich Arme zurückgesetzt und umgekehrt. Mancher Rat von ihm greift in Erwartungen und vermeintliche Rechte anderer ein, wenn zum Beispiel Mädchen gegen ihren Willen zur Heirat bestimmt wurden und Pater Josef um Hilfe baten. Oft muß er sich durch Flucht vor Aggressionen retten. Seine Unbescholtenheit und Lauterkeit wird immer offener angezweifelt. Seine Oberen geraten in nicht geringe Schwierigkeiten: Schon eine Einschränkung seines Wirkens außerhalb des Klosters würde auf erregten Widerspruch stoßen, die Erwartungen der
Bevölkerung, auch Einflußreicher, sind bereits zu groß. Behutsam versucht man, Josefs Lebensweise zu ändern, er muß seine Klosterzelle wechseln, seine Askese mildern, darf nicht mehr auf blankem Boden schlafen wie bisher. Manche Mitbrüder schämen sich des Sonderlings und wollen ihn zum “normalen Maß” zurückführen. Einige erwarten einen finanziellen Ertrag aus seiner Tätigkeit und können nicht begreifen, daß er Spenden, die ihm Reiche aus Dankbarkeit angeboten hatten, nicht annimmt. Sogar Kerzen, die ihm Kaufleute schenken wollten, habe er abgelehnt. Manchmal kommt er mit zerfetzter Kleidung von seinen Ausgängen zurück — man hatte sich Stücke von seinem Ordensgewand oder vom Gürtel abgerissen. Sein Widerwille gegen Hab und Gut, vor allem in Verbindung mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten, findet wenig Verständnis und sogar Spott. Einmal hatte man ihm ohne sein Wissen ein Geldstück in der Kapuze versteckt, und er wurde davon wie unter einer schweren Last niedergedrückt und vor Beklemmung fast ohnmächtig.
Zu allem holt ihn auch noch die Vergangenheit ein in Form der Schulden seiner Verwandten. Der Ordensmann wird in häßliche Händel hineingezogen. Seine Mutter ist in Not geraten und sucht mehrmals bei ihrem Sohn Hilfe. “Sie, die strenge Frau .... hatte ihn, wenn sie ihm auf der Straße begegnete, nie eines Blickes gewürdigt”, sagte sie doch, sie sei nur seine Pflegemutter gewesen, weil er der Madonna gehöre. Jetzt muß sie ihn um etwas Brot bitten und mit leeren Händen weinend wieder nach Hause gehen. Ihr Sohn erinnert sie: “Ich habe nichts; denn ich bin selber arm”, und als sie ihm vorhält, sie sei doch seine Mutter: “Ich habe keine Mutter. Meine Mutter ist die Himmelsmutter, und diese ist auch deine Mutter. Geh zu ihr, sie wird dir helfen.” Zu Hause findet sie dann genug Brot im Backtrog.25
Der für Pater Josef zuständige Ordensprovinzial, Pater Antonio da Santo Mauro Forte, läßt sich ‑trotz widersprüchlicher Meinungen unter den Brüdern — durch die Bescheidenheit und Lauterkeit des Copertiners überzeugen und schickt ihn sogar durch die ihm unterstehenden Klöster in Apulien, es sind ungefähr fünfzig. Er hofft, die Brüder durch die außergewöhnlichen mystischen Erfahrungen und die überzeugende demütigende Lebenshaltung Josefs zu größerer Frömmigkeit anzuspornen. Josef fügt sich widerstrebend im Gehorsam und zieht fast ein Jahr lang von Konvent zu Konvent. Seine Mitbrüder erfahren die übernatürliche Atmosphäre, die den Unscheinbaren umgibt, erleben seine Ekstasen und mystischen Flüge greifbar mit, die Leute drängen sich, um ihn bei der Feier der heiligen Messe zu sehen. In der Kathedrale von Giovinazzo/Bari wiederholt es sich, daß es den Beter vor ausgesetztem Allerheiligsten wie so oft in die Höhe und nach vorn reißt. Die Leute geraten in helle Begeisterung und rufen: “Ein Wunder!”

Anzeige beim kirchlichen Gericht


Doch im Domkapitel von Matera und beim Adel kommt der Verdacht auf, dieser Minorit wolle sich mit Hilfe seiner Brüder und Anhänger nur zur Schau stellen und “den Messias spielen”. “Echte Heilige gehen nicht unter die Menge, um sich bewundern zu lassen! — (Ist dieser Satz nicht richtig?) Sie wissen nichts davon, wie sehr Pater Josef sich gegen den Auftrag gewehrt hatte und unter ihm leidet. Und: Verstehen sie wirklich etwas von echter Heiligkeit? Wenn sie nicht einmal nach den wirklichen Tatsachen und Motiven fragen!
Der Apostolische Administrator der Diözese, Monsignore Palamolla — der Bischofssitz Matera war seit zehn Jahren vakant —,läßt am 26. Mai 1636 eine amtliche Anzeige beim Heiligen Offizium erstatten, die von der ersten Instanz in Neapel ordnungsgemäß nach Rom weitergeleitet wird. Dort prüft die Zentralkommission des kirchlichen Gerichtshofs diese heikle Angelegenheit. Papst Urban VIII. entscheidet zunächst, einen neuen Bischof in diese Diözese zu senden, und gibt ihm den Auftrag, den Prozeß gegen den auffälligen Minoriten an Ort und Stelle wieder aufzunehmen. Das geschieht im September 1637.
Pater Josef hatte erst seine “apostolische Reise” unbeirrt im Gehorsam fortgesetzt, wird aber zunehmend von beängstigenden Vorahnungen bedrängt. Er erlebt ja, wie er ständig argwöhnisch beobachtet wird, und muß befürchten, daß Material gegen ihn gesammelt wird. Die Leute, der Lärm um ihn werden ihm lästig. Er bittet seine Oberen, ihn nach Grottella zurückzuschicken, ihm die öffentliche Eucharistiefeier zu verbieten und ihm die Zurschaustellung seiner Entrückungen zu ersparen. Doch sie beschwichtigen ihn — sein Leiden sei von Gott gewollt.
Josef nimmt Zuflucht zur Madonna und erhält am 2. April 1637 die Zusicherung, daß er bei der öffentlichen Feier der heiligen Messe nicht mehr entrückt würde: “Aber bereite dich auf ein noch schwereres Kreuz vor!” Erst Jahre später, in seiner Einsamkeit, werden sich die ekstatischen Zustände wieder einstellen.
Gerade in diesen Wochen wird er immer wieder auf das Geheimnis des Kreuzes verwiesen. Auf dem Weg von Copertino nach Grottella hatte er einen Kreuzweg errichtet, der beim Kloster in eine Art Kalvarienberg mündete. Immer wieder fühlt er sich zu diesen Kreuzen hingezogen, des öfteren wird er von überschwenglichen Gefühlen hingerissen. “Ich sah ein Kind auf dem Kreuz und umarmte es, und mein Herz entbrannte.” Eine innere Stimme bedeutet ihm jedoch: “Laß diese toten Kreuze und nimm das lebendige Kreuz auf dich!” Was für ein “lebendiges Kreuz”? Er weiß keine Antwort. Wieder sieht er Jesus — als Kind, ein Kreuz auf seinen Schultern.
An einem schwülen Sommertag trifft die Vorladung aus Rom ein: er habe sich dem Inquisitions‑Gericht in Neapel zu stellen. Der Obere verheimlicht das Schreiben vor ihm und versucht, staatliche Instanzen einzuschalten. Doch Pater Josef tritt ihm unerwartet entgegen und verlangt den Brief, nimmt ihn in ergebenem Gehorsam an sich und bricht am 21. Oktober mit seinem Beichtvater Pater Diego Galasso und Fra Ludovico nach Neapel auf.
Die Nachricht davon verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Gegend, die Meinungen sind geteilt, viele bedauern den Ordensmann und beklagen seinen Weggang, andere, gerade ihm Nahestehende, halten sich vorsichtig zurück. Wer weiß, ob Pater Josef nicht eine strenge Bestrafung durch die Inquisition zu erwarten hat. Freunde in der Not ...
Auch in Neapel, im Kloster San Lorenzo, wird der fremde Pater nicht gerade freundlich empfangen — kein Wunder, die Umstände seines Besuchs sind ja bekannt. Man sperrt ihn in eine Zelle ein. Josef verbringt eine unruhige Nacht in quälenden Gedanken und trostlosem Gebet:
“Werden sie mich verurteilen? Vielleicht halten sie mich sogar für einen Besessenen — oder kann es sein, daß sie mich als einen Zauberer ansehen, dann würde ich gefoltert und getötet.”26
Er fleht zur heiligen Katharina von Siena um Fürsprache.
Wir wissen, daß diese Angst vor der Inquisition — abgesehen von allem anderen — nicht unbegründet war ...

Vor der Inquisition

Am 25. November steht er vor dem Inquisitions-Gericht. Auf dem Weg dorthin wird er von einem jugendlichen Mitbruder getröstet, den aber sein vertrauter Begleiter Fra Ludovico nicht wahrnahm. War es der heilige Antonius von Padua?
Viele Zeugen hatten sich bemüht, die Heiligkeit des Ordenspriesters anzufechten. Nun steht er selbst vor seinem Richter, Monsignore Antonio Ricciullo, und den Beiräten, wird unter Eid genommen und muß seine Lebensgeschichte erzählen. Man prüft seine Lateinkenntnisse — er muß aus dem Brevier vorlesen — und seine geistige Zurechnungsfähigkeit, gilt er doch als sehr beschränkt.
Zwei Tage später werden die Ereignisse von Giovinazzo verhandelt. Um sich selbst durch Augenschein zu überzeugen, befehlen ihm seine Richter, die heilige Messe in ihrer Anwesenheit zu feiern. Doch es ereignet sich nichts Auffälliges dabei. Nur bei der Danksagung danach wird Josef, seiner Sinne völlig entrückt, über Blumen und Leuchter zum Altar emporgetragen, gleitet wieder zu Boden und singt und tanzt auf den Knien, ohne zu wissen, wie ihm geschieht. Anwesende Nonnen geraten außer sich und schneiden nachher Stücke aus seinem Ordenshabit als Andenken an dieses Erlebnis.
Das dritte Verhör ist auf den 1. Dezember angesetzt. Josef sagt wahrheitsgemäß aus, daß er seinen Oberen in Grottella flehentlich gebeten habe, ihn nicht in die Öffentlichkeit zu schicken, und nur im Gehorsam die Reise durch die Konvente auf sich genommen habe. Über seine Ekstasen in Giovinazzo befragt, antwortet er:
“Ich kann mich nicht erinnern, was mir dabei zugestoßen ist; denn ich wurde von Pater Guardian geführt, und es war ein großes Gedränge, und ich ging ganz ungern in jene Volksmenge und wußte dabei nicht, wie mir geschah, und der Pater Guardian sagte Worte zu mir, die mich beschämten.”
Zu den Entrückungen allgemein bekennt er:
“Diese Ereignisse bereiten mir immer ein wahres Unbehagen, sei es, daß sie über mich kamen, während ich die heilige Messe zelebrierte, sei es, daß sie mich beim Gebet oder bei anderen geistlichen Übungen erfaßten .... und ich habe immer Angst, ich könnte durch sie getäuscht werden und in Versuchung geraten ... Dieses Fortgerissenwerden geschieht häufig beim betrachtenden Gebet, und wenn ich Gott Dank sage. Ich habe daher besonders acht auf mich und übe das Gebet abgesondert, allein für mich, oder in der Zelle oder sonst an einem stillen Ort des Klosters..., damit man mich nicht sehe, wenn jene Bewegungen über mich kommen.”27
Am 2. Dezember wird der Guardian Pater Josefs verhört. Die Prozeßakten werden geschlossen und nach Rom gesandt, zur endgültigen Prüfung und Entscheidung in Anwesenheit des Papstes. Monate vergehen darüber.
Im Kloster ändert sich die Stimmung, die Mitbrüder versuchen, ihr anfängliches Verhalten wieder gutzumachen, und behandeln Pater Josef mit Zuvorkommenheit und Respekt. Prälaten und Adlige — auch erlauchte Namen werden ausdrücklich genannt — wollen den kennenlernen, von dem man sich in ganz Neapel so außergewöhnliche Dinge erzählt, und bitten, an seiner Messe teilnehmen zu dürfen. Die Inquisition und die Gefahr einer Wiederaufnahme der gestrengen Überprüfung werden darüber vergessen. Pater Josef erträgt es mit Gelassenheit und wartet geduldig auf den Ausgang des Prozesses.
Am 18. Februar 1639 wird er zum Ordensgeneral der Minoriten in Rom zitiert. Zugleich erhalten seine Oberen für ihr Verhalten einen strengen Verweis. Man versucht ihn unter Vorwänden in Neapel festzuhalten. Er verläßt mit seinen Begleitern heimlich die Stadt. Aber sie kommen nicht weit. Man zwingt sie zurückzukehren. In Neapel wird gerade in ausgelassener Tollheit Karneval gefeiert — Pater Josef erleidet in prophetischer Schau das Ausmaß der sittlichen Zügellosigkeit und sieht voraus, daß die Stadt dafür einmal “bitter büßen” werde.
Er schreibt an den Ordensgeneral und ergreift bei nächster Gelegenheit wieder die Flucht. Mitte April erreichen sie Rom. Man kann sich denken, daß Pater Josef nicht gerade gnädig empfangen wird — ein Mitbruder, der mit der Inquisition zu tun hat, bereitet den Oberen nichts als Kummer und Sorgen. Doch der Kardinalprotektor des Ordens tröstet und ermutigt ihn.
Das Heilige Offizium entscheidet, daß der Ordenspriester vom Volk getrennt und unter der geistlichen Leitung eines erfahrenen Beichtvaters weiter geprüft werden soll. So bleibt, was die Echtheit, seiner mystischen Erfahrungen angeht, zunächst alles in der Schwebe. Der Orden versetzt ihn nach Assisi, in den Großkonvent am Grabe des Ordensvaters. So geht auf diesem Weg sein alter Wunsch, in unmittelbarer Nähe des heiligen Franziskus zu leben, in Erfüllung. Ostern reist er in Rom ab, am Fest seiner Schutzpatronin Katharina von Siena trifft er in Assisi ein.

Weitere Prüfungen

Dort wird er natürlich mit gemischten Gefühlen erwartet. Es beginnen bittere Jahre für ihn. Ein neuer Hausoberer — Pater Antonio von San Mauro Forte hatte ihn früher sehr geschätzt — nimmt die Entscheidung der Inquisition, die Heiligkeit Josefs zu “prüfen”, wörtlich und bedrängt und quält ihn auf alle mögliche Weise. Als es schließlich auch Mitbrüdern zu bunt wird und sie darüber nach Rom berichten, wird Pater Josef der Verantwortung der römischen Ordensleitung direkt unterstellt. Das konnte natürlich dem unmittelbaren Vorgesetzten nicht recht sein. Ausgerechnet in dieser Zeit wird sein vertrauter Seelenführer nach Todi versetzt; dessen Nachfolger macht ihm “durch sein eifersüchtiges und zwiespältiges Benehmen das Leben sauer”28.
Doch Pater Josef weiß sich in Assisi unter dem Schutz der Gottesmutter geborgen. In den Zügen der Madonna auf dem berühmten Bild von Cimabue in der Unterkirche, über dein Grab des heiligen Franziskus, erkennt er die Gesichtszüge Mariens vom Gnadenbild der Grottella. Bei seinem ersten Besuch hatte es ihn sofort emporgehoben und achtzehn Schritte weit über den Boden zu diesem Bild hingerissen, daß er es berühren konnte. Trotzdem überfallen ihn wieder tiefe Einsamkeit, Trostlosigkeit und Krankheit. Magenkrämpfe und Blutbrechen setzen ihm zu. Er hat keine Freude mehr an Gebet und geistlicher Betrachtung. Ekstasen und Entrückungen kommen kaum noch vor. So ist ihm auch noch diese Freude und Stärkung im Geist genommen. Er, wahrhaftig in Trostlosigkeiten erfahren, bekennt: “Ich hätte früher nicht gewußt, was Traurigkeit ist.” Heimweh nach der Grottella packt ihn, er gibt der Versuchung nach, sich an einflußreiche Freunde zu wenden, um eine Rückversetzung nach Copertino zu erreichen. Doch die werden von unerklärlichem Unglück getroffen. Seine Oberen geben ihm ausweichende Antworten, auf ihn wirkt ihr Verhalten wie Interesselosigkeit.
Nach fünf bitteren Jahren wird er erneut zum Generalminister des Ordens zitiert. In der Hoffnung, endlich aus der Klosterhaft befreit zu werden, begibt er sich, wieder in Begleitung von Fra Ludovico, im Februar 1644 nach Rom. Doch beim Anblick der Ewigen Stadt wird ihm deutlich, daß seine Hoffnung enttäuscht werden sollte und er nach Assisi zurückkehren müßte.
Anlaß zur vorübergehenden Berufung nach Rom war etwas ganz anderes: Der Fürst Johann, Bruder des Königs von Polen — er kannte Pater Josef von einem Aufenthalt in Assisi her —,war inzwischen in den Jesuitenorden eingetreten. Er hatte darum gebeten, ihn sprechen zu können, um sich vor einer wichtigen Lebensentscheidung von ihm beraten zu lassen. Da nun Pater Josef schon in Rom war und es sich schnell herumsprach, schlossen sich andere Gespräche an, auch mit Kardinälen. Der Minorit nutzte auch diese Gelegenheit, die große Wallfahrt zu allen römischen Basiliken zu unternehmen. Die Karwoche dieses Jahres verbrachte er im Kloster zu den Zwölf Aposteln in trüben Vorahnungen. Vor seiner Rückkehr nach Assisi machte man ihm den Vorschlag, nach Monterotondo zu gehen, wenn er sich wegen seiner Krankheiten in Assisi nicht wohlfühlte, aber er kehrt an das Grab des heiligen Franziskus wieder zurück, dort wolle er lieber als an einem anderen Ort sein — seine Heimat, das Klösterchen Grottella, ausgenommen. Er hatte erst “den Willen Gottes in dieser Sache nicht erkannt”, jetzt sieht er ein, “daß Gott nur einen Strich durch die Rechnung gemacht hat”.29




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