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Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino



2. Außergewöhnliche Ereignisse

Der erste ekstatische Flug


heilige Josef von Copertino
Von diesem geheimnisvollen Boten hatte niemand etwas gesehen, für Josef war es der Durchbruch in seinem geistlichen Leben. Innerer Friede, vollständige Befreiung von den alten Anhänglichkeiten, tiefe Übereinstimmung mit seinem radikal armen, bedürfnislosen Leben und seiner Ordensgemeinschaft, klaglose Auslieferung des ganzen Lebens in das Geheimnis Gott hinein machen ihn für das Einströmen der Gnade Gottes. offen. Äußerlich bleibt alles, wie es war. Aber allmählich wird das Besondere, außergewöhnlich Gnadenhafte deutlich, das in und an ihm am Werk ist. Seine Uninteressiertheit, ja eigenartige Unfähigkeit und Verschlossenheit für die praktischen Dinge des Alltags erweist sich immer mehr als Voraussetzung übernatürlicher Vorkommnisse, seine merkwürdige Zerstreutheit als die Außenseite einer eigenartigen Versunkenheit ins Göttliche. Stundenlang ist er wie entrückt, sein Zeitgefühl setzt immer wieder aus, manchmal wird er seiner Sinne beraubt in seiner Klosterzelle, in einsamen Winkeln oder in der kleinen Kapelle nahe dem Kloster gefunden. Bei der gemeinsamen geistlichen Lesung stößt er auf einmal einen markerschütternden Schrei aus. Zögernd und noch widerstrebend beginnen einige Mitbrüder zu verstehen.
Am 4. Oktober 1630, dem Fest des Ordensvaters Franziskus von Assisi, wird das erste Mal vor aller Augen sichtbar, auf welchen außergewöhnlichen Weg Josef gerufen ist. In Copertino findet an diesem Festtag eine feierliche Prozession statt, bei der, wie in jedem Jahr, auch unser Pater Josef seinen Dienst zu versehen hatte. Plötzlich erhebt er sich vom Erdboden, völlig “außer sich”, und schwebt über den Köpfen der erschrockenen, gaffenden und schreienden Menge dahin. (In seiner Kindheit hatten sie ihm den Spottnamen “das offene Maul” gegeben, jetzt bleibt ihnen selbst vor fassungslosem Staunen der Mund offen stehen, bemerkt Nigg dazu.12 ) Langsam gleitet er wieder zu Boden, läuft sofort in großer Scham davon und versteckt sich. Die Erkenntnis geht ihm auf, daß er auch das Letzte um Christi willen loslassen muß, ohne Rücksicht auf sich selbst und die Wirkungen auf seine Umwelt.
Mit noch größerer Konsequenz unterzieht er sich der Zucht des klösterlichen Alltags und seiner niedrigen, unbeholfenen Dienstleistungen, verzichtet darüber hinaus auf Fleisch, Brot und Wein, begnügt sich mit Kräutern und etwas Obst, verstärkt seine Bußübungen bis zu Selbstgeißelung und dornigem Bußgürtel. Ausdrücklich wird erwähnt, daß er sich in der Eucharistiefeier täglich neue Kraft und Ermutigung holte.

Geheimnisvolle Entrückungen

Von jenem 4. Oktober 1630 an vollzieht sich eine unaufhaltsame Veränderung, wie “von innen her”. Manchmal genügt ein geistliches Gespräch oder auch nur das Aussprechen der Namen “Jesus” oder “Maria”, daß Josef in Verzückung gerät oder wie tot zu Boden fällt. Erst wenn ihn die Ekstase freigibt, kann er sich wieder erheben — oder wenn der Vorgesetzte ihn im Gehorsam ruft.
“Das Schweben während der heiligen Messe wurde ein tägliches Ereignis. Auch untertags konnte es geschehen, daß er, wenn sein Geist erglühte, auf einen Altar erhoben wurde oder auf einen Baum oder zu einem Heiligenbild hin.”13
Man kann sich die Wirkung in der Öffentlichkeit vorstellen. Ein immer größerer Zustrom Neugieriger setzte ein, “das Heiligtum der Grottella gleicht einem lärmerfüllten Meereshafen. Bei jeder Ekstase, bei jeder Erhebung seines Leibes, hallte die Kirche wider von der Erregung der Gläubigen. Die einen weinten, die anderen schrien, wieder andere bekannten ihre Sünden. Manche drängten sich an den Altar, faßten den Heiligen an, betrachteten ihn von allen Seiten, bewegten seine Arme, prüften mit Feuer und spitzen Nadeln seine Unempfindlichkeit, bis der Vorgesetzte des Klosters kam und die Ruhe wieder herstellte. Mit einem tiefen Seufzer kehrte der Zelebrant dann zu sich zurück und setzte die heilige Messe fort, ganz beschämt und bestürzt, in aufrichtigem Bedauern über das, was vorgefallen war. Er hätte lieber ganz im Verborgenen zelebriert oder überhaupt nicht, fühlte sich aber durch den Gehorsam gebunden, und jene übernatürliche Macht war stärker als das Gefühl seiner Demut und sein Verlangen nach der Einsamkeit. “14
Er kennt nicht einmal die Ausdrücke “Ekstase” oder “Elevation”, hat keine Ahnung von den Schriften der großen Mystiker der Kirche. Über das Kommen und Gehen seiner Entrückungen hat er nicht die geringste Macht, kann sie weder herbeiführen noch verhindern. Zuweilen hört man vor Eintreten der Ekstase einen Schrei oder ein lautes Seufzen, als entweiche der Atem seinem Mund. Manchmal beginnt er mit einer tanzenden Gebärde und einem vogelartigen Schrei, er erhebt sich, schwebt durch den Raum, zum Beispiel in der Mitte der Kirche bis zur Kanzel oder zum Hochaltar, verharrt dort eine Viertelstunde lang schwebend mit ausgestreckten Armen oder in kniender Haltung und gleitet wieder sanft zu Boden.
Er macht kein Wesens daraus, es ist ihm wie eine große Last — oder wie ein Schlaf. Niemandem erzählt er, was er schaut. Alles spielt sich in der geheimnisvollen. Beziehung zwischen Gott und ihm ab. Wahrscheinlich erfährt er in diesen Entrückungen ganzheitlich die geheimnisvolle “unio mystica”, eine Vereinigung mit Gott, wie sie dem Menschen in dieser Welt sonst nicht zugänglich ist.
Nicht immer liegt er während der Ekstasen starr da: “Es kam auch vor, daß er seltsam zu singen oder sogar zu tanzen begann. Eine Beschwingtheit ergriff den Ungeschickten, eine übermächtige Freude erfüllte ihn, und er fing an zu hüpfen oder machte mit den Knien tanzende Gebärden. Man hat seine merkwürdigen Bewegungen mehrfach beobachtet”15 — ein heiliger “Gebetstanz”.
“Was berichtet werden kann, sind nur äußere Wahrnehmungen, der innere Vorgang bleibt aller Erfahrung entzogen und läßt alle Vorstellungen weit hinter sich, jede Ausschmückung würde ihm abträglich sein”16, psychologische oder parapsychologische Erklärungsversuche scheitern.
Josef von Copertino widerfahren solche Vorkommnisse sehr oft, man kann sagen, daß “sein ganzes Leben eine Kette von Ekstasen”17 und solchem Schweben wird. Diese spektakulären Ereignisse sind besonders gut beglaubigt, spielen sie sich doch in aller Öffentlichkeit ab. Dabei handelt es sich nicht nur um ein “Ruhen im Geist” oder ein Schweben über dem Boden an einer Stelle (“Levitation” oder “Elevation”), wie es in der Geschichte der Mystik18 mehrfach bezeugt ist, sondern um ein zielgerichtetes Fliegen, einen Körperflug. Das löst bei Augenzeugen Erregung, Angstgefühle, Faszination aus und zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Erlebten, damals, in der Zeit der beginnenden Aufklärung, und heute, in Wohlstand und technischem Perfektionismus. Es ist wie eine drängende Erinnerung an die übernatürliche Welt und eine nachhaltige Warnung, Sinn und Ziel unseres Lebens, die unsere sichtbare Welt überschreiten, nicht zu vergessen.
Walter Nigg macht in diesem Zusammenhang auch auf die Klage eines Bedrängten und seine Sehnsucht nach Gott im Alten Testament aufmerksam: “Wenn ich eine Taube wäre, flöge ich zu dir” (Ps 55, 7) und auf die Frage des modernen Menschen nach “Schwerkraft und Gnade” (bei Simone Weil19) sowie das tiefe Verlangen des religiösen Menschen, sich über die Niederungen und alle Last dieses Daseins zu erheben und der Erdenschwere aller Ichverhaftetheit zu entkommen — wie es in einem Negro‑Spiritual heißt: “Alle Kinder Gottes bekommen Flügel.” Und wir könnten die hintergründige Frage hinzufügen: “Warum können Engel fliegen?” und die Antwort: “Sie nehmen sich leicht!”

Fragen

Man stelle sich vor, wie sehr diese außergewöhnlichen Ereignisse in die Gemeinschaft des Minoritenkonvents eingreifen mußten und sie störten, bis zur Gottesdienstordnung hin. Pater Josef konnte nicht mehr zum Chorgebet oder zur gemeinsamen Mahlzeit der Brüder zugelassen werden, auch nicht zu öffentlichen Gottesdiensten und Prozessionen. Nicht einmal die öffentliche Feier der heiligen Messe konnte man ihm gestatten, das hätte die Zeiteinteilung völlig durcheinandergebracht. Kein Zweifel, er bringt seine Mitbrüder ungewollt so manches Mal schier zur Verzweiflung.
Fragen werden laut, Zweifel: Wirkt hier Gott, um die Menschen aufzurütteln oder doch nachdenklich zu machen? Oder ist es dämonisches Blendwerk? Ist dieser Mitbruder gar vom Teufel besessen? Es kommt zu Auseinandersetzungen um ihn, und es scheint auch der Widersacher tatsächlich nicht zu ruhen, um ihn anzugreifen, die Gnadenwirkungen zu durchkreuzen und Verwirrung zu stiften. Innere Anfechtungen und äußere Widerwärtigkeiten, Lärm und Quälereien aller Art treten auf — man kann sich das durch naturhafte Ursachen nicht erklären. Einige Male findet man Pater Josef, halb erschlagen, die Kleider zerrissen, unter einem Bretterhaufen. Man holt zu seinem Schutz einen Mitbruder, Ludovico, nach Copertino, der auch nachts bei ihm bleiben muß.
Josefs geistlicher Kampf geht weiter. In allem fragt er nach Gottes Willen, in diesen geheimnisvollen Vorgängen weiß er sich geborgen in Gottes Schutz. Er erkennt, daß alles dem Heil dienen soll, und bezeugt es vor den Pilgern. Innerlich frei und ohne Ängste, kann er nun zu den Leuten sprechen und berät sie mit schlichten Worten:
“Kinder, vertraut auf Gott; denn Gott allein ist es, der euch helfen kann. Kinder, liebet Gott und seid gut und brav! Gott wird für euch sorgen.” – “... nehmt eure Zuflucht zu meiner Mutter, die die Himmelsmutter ist, und seid nicht mehr ängstlich; denn meine liebe Mutter hilft euch in allen Bedrängnissen.”20
1631 erhält Pater Josef die Erlaubnis, endlich auch nach Assisi an das Grab des Ordensvaters und nach Loreto zu pilgern, aber er muß wegen einer ausbrechenden Pest wieder umkehren. Seine Sehnsucht wird sich später unter ganz anderen Umständen erfüllen.

Vertrauter Umgang mit Tieren

Bei allem Andrang geht der Minorit seinen geistlichen Weg unbeirrt weiter. Er eifert seinem Ordensvater nach, besonders in der Betrachtung der Liebe Gottes, in ihrer Selbstentäußerung in der Krippe und am Kreuz, in der Armut und im demütigen Dienst an allen Geschöpfen. Viele Einzelheiten erinnern an Berichte aus dem Leben des heiligen Franziskus und scheinen liebevoll den poetischen “Fioretti” (einer Blütenlese franziskanischer Legenden) nachgezeichnet zu sein: Wie er als Hirt mit Kindern aus Copertino dem Kinde von Betlehem mit Pfeifen, Flöten und Pauken aufspielt, vor ihm singt und voll Freude tanzt. Wie er vertrauten Umgang mit Tieren pflegt. Wie sich ein Häslein bei ihm vor den Jägern rettet. Wie er besonders den Lämmern zugetan ist. Einmal — Ort und Name des Besitzers werden ausdrücklich genannt — erweckt er eine Schafherde nach einem Blitzschlag bei schwerem Gewitter wieder zum Leben.
Doch es ist nicht nur Poesie — ein ganz neues, das franziskanische Naturverständnis wird deutlich. Die Freundschaft mit Tieren und mit allen Geschöpfen erwächst aus einer tiefen Übereinstimmung mit dem Schöpfer:
“... es steht eine religiöse Wahrheit dahinter; denn im geheimnisvollen Berührtwerden der Tiere kündet sich das Seufzen der stummen Kreatur an, die auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet.”
Dem in getreuem Gehorsam zu Gott stehenden Menschen “gehorchen auch wieder die Tiere” — es ist wie “eine Vorwegnahme des messianischen Reiches, in welchem der Gottesfrieden auch das Reich der Kreatur umfaßt”.21

Andere Gaben

Immer mehr zeigt sich auch eine besondere “innere Nähe” zu den Menschen. Er durchschaut sie; es ist wie ein “sechster Sinn”, mit dem er geheimste Gedanken und verborgene Sünden erkennt. Manchen sagt er es ins Gesicht, wenn sie nicht gut gebeichtet haben.
Offenbar hat er auch Kenntnis von Ereignissen und Personen in der Ferne oder in naher Zukunft. Bei großer Dürre auf der Salentinischen Halbinsel erbittet er den rettenden Regen. Er hilft in den verschiedensten Nöten, auch seinen Brüdern. Auf einem Bettelgang heilt er in San Pietro in Lama ein schwerkrankes Kind; als die Heilung sich herumspricht, verläßt er fluchtartig das Dorf. Den Priester Pomponio Imbeni aus Copertino befreit er unter Gebet, Handauflegung und Anrufung der Gottesmutter von eitrigen Geschwüren, Lucrezia Bove von schwerer Krankheit, das Kind Donato Ruperto von einer lebensgefährlichen Kopfverletzung. Auch von Fernheilungen wird — mit genauen Angaben von Name, Ort und Zeit — berichtet.
“Die Reihe solcher Ereignisse könnte noch fortgesetzt werden, würde aber über den Rahmen dieses bescheidenen Büchleins hinausgehen.”22 Ein für den Copertiner bezeichnendes Beispiel sei aber hier noch erzählt: Einen von Skrupeln geplagten Menschen warnt er vor der argwöhnischen Melancholie, muntert ihn auf und gibt ihm neuen Mut: “Siehe, ich nehme dir alle Skrupel vom Leibe hinweg, wirke Gutes, habe eine gute Meinung und sei unverzagt.” Dabei streichelte er ihm liebevoll sein Haupt.23
Jedenfalls fühlt sich Pater Josef glücklich, Menschen mit seinen außergewöhnlichen Gaben helfen zu können. Aber er führt sein Leben strenger klösterlicher Zucht und Abgeschiedenheit weiter. Doch der Herr ruft ihn nun in seine Kreuznachfolge.



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