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Der Heilige Pader der zu Lebzeiten schon fliegen konnte - Der Volksheilige Josef von Copertino[19.01.2010] Gut bezeugt sind in der Geschichte Levitationen, die immer ein maßloses Staunen hervorrufen. Mit Joseph aber geschah noch viel Ungewöhnlicheres: er begann mit einer tanzenden Gebärde, stieß dann einen vogelartigen Schrei aus und flog durch die Luft! Aus der Mitte der Kirche flog er bis zum Hochaltar, der über 50 Schuh entfernt war umfasste dort das Tabernakulum, und hielt sich ungefähr eine Viertelstunde lang in der Luft. Den erstaunten Zuschauern blieb der Mund offen.Mindestens 70 ekstatische Flüge wurden von vielen Menschen bezeugt. Gegen seinen Willen wurde er zur Berühmtheit, er geriet in den Ruf eines Wundertäters, ein Sturm legte sich nach seinem Gebet, nach einer Dürre regnete es, er roch die Sünde förmlich, und konnte den Menschen gute seelsorgliche Ratschläge geben. Auch der Großadmiral von Kastilien hatte eine Unterredung mit ihm in Assisi und er sagte nachher: „Ich habe einen zweiten heiligen Franziskus gesehen und gesprochen.“ Viele Einzelheiten erinnern an Berichte aus dem Leben des heiligen Franziskus und scheinen liebevoll den poetischen “Fioretti” (einer Blütenlese franziskanischer Legenden) nachgezeichnet zu sein: Wie er als Hirt mit Kindern aus Copertino dem Kinde von Betlehem mit Pfeifen, Flöten und Pauken aufspielt, vor ihm singt und voll Freude tanzt. Wie er vertrauten Umgang mit Tieren pflegt. Wie sich ein Häslein bei ihm vor den Jägern rettet. Wie er besonders den Lämmern zugetan ist. Einmal — Ort und Name des Besitzers werden ausdrücklich genannt — erweckt er eine Schafherde nach einem Blitzschlag bei schwerem Gewitter wieder zum Leben. Den gesammten Ausführlichen Bericht wie er zusammengetragen und veröffentlicht wurde, kannst du nun hier nachlesen Einstimmung
Gewiß gibt es noch Bewegenderes: die Erfahrungen, die ein Mensch mit Gott macht. Bewegend für jeden, der das Leben anderer nach ihren Erfahrungen mit Gott befragt, weil er selbst solche Erfahrungen kennt und nun “Sehnsucht nach mehr” hat. Oder für Suchende, die nach Wegen und Zielen, nach Beispielen geglückten Lebens ausschauen. Provozierend aber für Menschen, die wenig Gedanken über Sinn und Ziel verschwenden und für die es “Gott” nur als theoretischen Begriff gibt. Konkrete Lebenserfahrungen eines Menschen, der in kein Schema paßt, mit Gott, mit einem noch dazu sinnlich erfahrbaren Gott, sind vollends geeignet, landläufige Vorstellungen von “geglücktem Leben”, von Frömmigkeit, Vollkommenheit und Heiligkeit, ja über Gott in Frage zu stellen. “Komische Heilige” — gegen sie wehren wir uns. Mit Recht? Ein “merkwürdiger Heiliger” löst Unbehagen, Kopfschütteln aus. So könnte es sein, daß ein Leser dieser kurzen Lebensbeschreibung des heiligen Josef von Copertino das Büchlein kopfschüttelnd wieder beiseite legt: “Eben ein Heiliger eines mirakelsüchtigen Jahrhunderts.” Doch hat dieser Heilige schon in seiner Zeit, zu Lebzeiten, nicht nur Kopfschütteln verursacht, sondern große Verwirrung. Kirchliche Behörden wurden durch ihn (ungewollt) in große Verlegenheit gebracht, in Unbehagen und Ängste. So sehr, daß man ihn schließlich vor der Öffentlichkeit versteckte und, solange er lebte, mit Schweigen überging. Trotzdem war sein Name bei seinem Tod in ganz Europa bekannt. Doch dann ist er zu einer fast unbekannten Gestalt geworden. Allerdings lebt zum Beispiel in Dillingen/Donau heute noch der Brauch, ihn in Examensnöten anzurufen. — Warum gerade ihn? Josef von Copertino wird von Walter Nigg, dem evangelischen Hagiographen, der “merkwürdigste Heilige der neueren Zeit” genannt; “denn seit Menschengedenken wurde keiner bemerkt, der sich mit ihm vergleichen ließe”1. Nigg warnt vor der Verwirrung unserer gewohnten Vorstellungen, die dieser Heilige auslösen kann. Und doch — er “wirkt bei aller Fremdheit seltsam faszinierend”2. Versuchen wir also, uns auf diese seltsame Faszination einzulassen, auch wenn dabei vertraute Vorstellungen durcheinandergebracht werden sollten. Nähern wir uns jedoch behutsam diesem wahrhaft merkwürdigen Leben, zumal jede Begegnung — die mit Menschen und die mit Gott — die Bereitschaft “zu einer Erfahrung fordert, die man noch nie gemacht hat”3. 1. Ein Mensch beklagt sich über Gott “Ich beklagte mich oft über Gott” — so steht es in einem Brief des inzwischen älter gewordenen Josef von Copertino an einen Freund. Ein Ausspruch, der nachdenklich machen kann, zumal bei einem, den die Kirche als Heiligen verehrt. Wenn uns jemand das gestehen würde, hätten wir wahrscheinlich eine ganze Reihe guter Ratschläge, psychologische oder aszetische, bereit, wenn nicht strenge Zurechtweisung. Hat denn ein Mensch überhaupt das Recht, sich über Gott zu beklagen? Oder: Nimmt da nicht jemand sich zu wichtig? Ist da einer nicht sehr wehleidig? Der etwa sechsundzwanzigjährige Minorit, noch am Anfang seines geistlichen Strebens, hatte versucht, sich aus Mittelmäßigkeit und Bequemlichkeit freizukämpfen. Alles, was ihm in seinem bisherigen Leben widerfahren war, wird in seiner Erinnerung wieder lebendig, in der ganzen Schärfe unverdienten Leidens. Der arme Pechvogel Da sind die Lebensumstände und Familienverhältnisse, in die er hineingeboren wurde — schlechte Startbedingungen, würden wir sagen. Der Vater Felice Desa ist bis über beide Ohren verschuldet. Die Herzöge Pinelli im italienischen Copertino/Apulien hatten den Fuhrmann als Burgwart eingestellt; aber er ruiniert seine Existenz, indem er in geradezu naiver Gutmütigkeit Schuldscheine für alle möglichen Bittsteller unterschreibt, ohne ihre Vertrauenswürdigkeit zu prüfen. Er muß fliehen, um nicht ins Gefängnis geworfen zu werden, und stirbt. Seine hochschwangere Frau weicht vor der Schmach der Pfändung ihrer Habseligkeiten in einen Viehstall aus. Dort wird Giuseppe‑Maria geboren, seine Taufe in Copertino ist am 17. Juni 1603 beurkundet. Franceschina war dieses Kind eine Last — kein Wunder. Allzugroße Strenge, ja Härte verhindern, daß der Heranwachsende mütterliche Wärme und Geborgenheit erfährt. Es ist auch nicht viel Liebenswürdiges an ihm. Kränklich, schwächlich, zeitweilig von brandigen Geschwüren befallen, “verbrachte er seine Kindheit zwischen Leben und Tod, gleichsam halb verfaulend”4. Die Quelle5 betont die Selbstlosigkeit und den starkmütigen Glauben Franceschinas, sie habe sich “allezeit bestrebt, ein gutes Beispiel zu geben” und sei Angehörige des franziskanischen Dritten Ordens gewesen. Sie sorgt trotz ihrer Armut dafür, daß Giuseppe eingeschult wurde, obwohl in dieser Zeit nur gutgestellte Eltern sich das leisten konnten. In der Schule aber kommt der Schwächling nicht mit und wird von seinen Kameraden ständig gehänselt. Als er eines Tages beim Klang der Orgel hingerissen lauscht und mit halbgeöffnetem Mund gedankenverloren dasteht, geben sie ihm den Spottnamen “bocca aperta”, also “offenes Maul”, im Sinne von “blöder Tölpel”. — “Trostlose Anfänge! “6 Wer konnte auch erkennen, daß diese auffällige Geistesabwesenheit, in der er ganz versunken ist und unempfindlich gegenüber allem, was sich um ihn herum abspielt, nichts anderes ist als ein erster Anfang des völligen “Außer‑sich‑Seins”, das sich sehr früh — er ist kaum acht Jahre alt — zu mystischen Ekstasen steigern wird? “Mystisch” — heißt das nicht “geheimnisvoll”? Den Mitmenschen muß es mindestens rätselhaft vorkommen. Er kann es sich ja auch selbst nicht erklären. Nach reichlich drei Jahren ist für ihn die Schulzeit zu Ende: ein bösartiges Geschwür an der Hüfte fesselt ihn für fünf Jahre – fünf Jahre! — ans Bett. Der unerträglich üble Geruch isoliert ihn von den Mitmenschen — ein im Stich gelassenes schwerkrankes Kind. Einziger Trost ist seine Mutter, die ihm vom heiligen Franz von Assisi erzählt, um ihn abzulenken und zur Geduld zu mahnen. Auf sein Betteln hin bringt sie ihn auch zur Kirche vor den Tabernakel. Ein Einsiedler, der früher einmal Arzt am Institut für unheilbar Kranke war, versucht ihn zu operieren, ohne Erfolg. Da bringt ihn seine Mutter zur Wallfahrtskirche Santa Maria delle Grazie in Galatone. Man salbt den Kranken mit dem Öl der Lampe, die vor dem Gnadenbild brannte — und er steht auf, vollständig geheilt. Vierzehn Jahre ist er inzwischen alt, er muß sich nach einer Arbeit umsehen, geht bei einem Schuhmacher in die Lehre. Doch er ist nicht imstande, auch nur die einfachste Flickarbeit zu lernen. Zur Ungeschicklichkeit kommt eine eigenartige Lernunfähigkeit. Statt den Pechfaden durch das Leder zu ziehen, sitzt er untätig auf seinem Stühlchen und schaut verträumt den Fliegen nach. Der Meister gibt es auf und schickt ihn weg. Enttäuschungen und Hindernisse Was ist zu tun? Er ist unfähig zu einer normalen Lebensführung oder Tätigkeit, ohne jeden praktischen Verstand. Was bleibt anderes übrig, als es in einem Kloster zu versuchen, zumal er doch offenbar fromm ist? Er kommt auch selbst auf diesen Gedanken, als er einem Bettelmönch begegnet. Das entspräche seinen religiösen Neigungen. Doch die Franziskaner‑Konventualen weisen ihn ab, trotz der Fürsprache einiger einflußreicher und gelehrter Verwandten. Welcher Orden nimmt auch einen solchen Kandidaten auf? Er versucht es ein weiteres Mal im Kloster zu Casole, doch hier schiebt man die Aufnahme ohne Angabe von Gründen immer wieder auf. Ein neuer Versuch hat Erfolg: Er meldet sich mit zwei Gefährten beim Kapuzinerprovinzial, der die Postulanten im August 1620 — Josef ist also siebzehn Jahre alt — zur Probezeit und ins Noviziat in Martina franca aufnimmt. Aber sein Aufenthalt “war nicht von allzu langer Dauer. Josef war so blöde, daß er nicht einmal weißes von schwarzem Brot unterscheiden konnte und, tolpatschig wie er war, die Töpfe verkehrt auf das Feuer setzte. Im Refektorium fiel ihm ein ganzer Stapel Teller aus den Händen, und auch sonst zerbrach er in seiner Ungeschicktheit fortwährend Klostergeschirr. Es nützte nichts, wenn man ihm, zur Demütigung und damit er fortan besser aufpasse, Teile der zerbrochenen Teller an seiner Kutte befestigte. In der Erfüllung seiner Pflichten war er unzuverlässig, er benahm sich linkisch und plump und brachte die Mönche zur Verzweiflung. Josef war und blieb ein unfähiger Laienbruder; die Schilderung ist nicht übertrieben. Es wäre wohl passender, wenn sich von einem Heiligen erzählen ließe, er sei schon früh ein wundersam begabter Jüngling gewesen ...”7 Anfälle von rätselhafter Geistesabwesenheit geben seiner Frömmigkeit ein seltsam stupides Aussehen. “Nach einer Prüfungszeit von acht Monaten war die Geduld der Kapuziner zu Ende.”8 Sie schicken ihn fort. Josef empfindet es, als reiße man ihm mit dem Ordenskleid die Haut samt dem Fleisch von den Knochen. Er sucht Zuflucht bei einem Bruder seines Vaters, Pater Francesco Desa, der in Avetrana Fastenpredigten hielt. Auf dem Weg zu ihm — zwei Tage ist er unterwegs — wird er überfallen und bedroht, Hunde zerfetzen die wenigen Kleider, die ihm geblieben waren. Völlig erschöpft und abgerissen, kommt er zu seinem Onkel und findet bei ihm nur verständnislose Vorwürfe und verächtliche Abweisung — und ist außerstande, sich dazu auch nur zu äußern. Auch in Copertino erwarten ihn Gelächter und Spott, dazu noch die Gläubiger seines Vaters; sie drohen ihm mit dem Schuldgefängnis. Trotz aller Bemühungen seiner Mutter weist ihn die gesamte Verwandtschaft ab, ist er doch aus dem Kloster weggejagt worden. Ausweglose Situation! Schließlich versteckt er sich in Grottella, einem kleinen Marienwallfahrtsort in der Nähe. Dort baut gerade ein Bruder seiner Mutter, der Minorit Giandonato Caputo, ein kleines Kloster auf. Der Bruder Sakristan erbarmt sich des Hilflosen und weist ihm einen Unterschlupf auf dem Dachboden des Kirchleins an. Sechs Monate hält Josef diese entbehrungsreiche Gefangenschaft aus. Dabei verhält er sich so geduldig und bescheiden, daß seine nähere Umgebung schließlich nachdenklich wird. So konnte es ja auch nicht weitergehen. Sein geistlicher Onkel nimmt ihn als Klosterknecht auf, gewährt ihm das Kleid des Dritten Ordens und entzieht ihn damit der weltlichen Gerichtsbarkeit. Jetzt endlich kann er sich unter den Gutwilligen im Minoritenkonvent bewähren, mit kleinen Dienstleistungen im Stall und in der Sorge um einen Esel. Sie nehmen den Zweiundzwanzigjährigen als Laienbruder auf. Und als herauskommt, daß sich Bruder Josef nächtelang heimlich darum bemüht, seine mangelhafte Schulbildung aufzubessern, entschließt sich auch Pater Francesco Desa, ihn zu fördern. Er läßt ihn zum Studium zu — gewiß, ein Gelehrter wie seine geistlichen Onkel würde er kaum werden, aber zum schlichten priesterlichen Dienst in dem kleinen Wallfahrtsort würde es wohl ausreichen. Zwar werden große Bedenken in der Gemeinschaft laut, aber der andere Onkel, Pater Giandonato Caputo, kann am 19. Juni 1625 in Altamura die Oberenversammlung doch überzeugen. Frater Josef wird — mit besonderer Dispens — der Obhut eines anderen Verwandten seiner Mutter anvertraut und vollendet schließlich das Ordens‑Noviziat in Grottella. Das Studium, besonders der lateinischen Sprache, bereitet ihm große Schwierigkeiten. Die Eigenart seiner Lernbehinderung wird deutlich: Er ist zwar ganz “in der Welt Gottes zu Hause”9, kann aber mit irdischen Begriffen, mit denen wir die Welt Gottes zu “be‑greifen” versuchen, nicht viel anfangen, trotz aller Bemühungen. Auswendiglernen ist ihm schier unmöglich. Doch unter der offensichtlich verständnisvollen und geduldigen Anleitung durch seine beiden Onkel erreicht er endlich die notwendigen Voraussetzungen für die Zulassung zur endgültigen Aufnahme in den Orden der Franziskanerminoriten, er legt die feierlichen Ordensgelübde der Armut, der keuschen Ehelosigkeit und des Gehorsams ab. Man kann sich denken, welche Freude Frater Josef empfinden mußte — das hätte er kaum zu hoffen gewagt! Kampf und Gnade Doch vor der Zulassung zur Priesterweihe sind noch das Studium der Theologie zu bewältigen und mehrere Examen zu bestehen. Frater Josef geht den für ihn schweren Weg unter Anleitung durch seine Onkel weiter und empfängt am 3. Januar 1627, sechs Monate nach der feierlichen Profeß, in der Privatkapelle des Bischofs von Nardä die niederen Weihen, Vorstufen zum Priestertum, im Februar die Subdiakonatsweihe. Die Zulassung zur Diakonatsweihe war wieder von einem, diesmal entscheidenden Examen abhängig. Josef hatte große Angst davor — wie wird er diese strenge Prüfung bestehen, ohne ausreichende Schulbildung, mit seinen mangelnden Lateinkenntnissen? Und er sollte, wie damals üblich, irgendeinen Abschnitt des Evangeliums, nach Wahl des examinierenden Bischofs, lateinisch vorlesen und singen und dann erklären. In seinen Examensnöten wendet er sich an die Gottesmutter Maria, vor ihrem Gnadenbild in Grottella, und kommt auf den Gedanken, eines der kürzesten Sonntagsevangelien auswendig zu lernen — mühselig genug: “... eine Frau aus der Menge rief Jesus zu: Selig die Frau, deren Leib dich getragen und deren Brust dich genährt hat. Er aber erwiderte: Selig sind vielmehr die, die das Wort Gottes hören und befolgen” (Lk 11, 27 f). Und bei der Prüfung sucht der Bischof genau diesen Text für ihn aus ... Noch ein letztes Hindernis ist zu überwinden, das Examen vor der Priesterweihe, das vor einer Kommission abgelegt werden mußte. Neue Ängste überfallen Josef, und mit Recht; denn “er wußte, daß er in Literatur sehr schwach war”, schreibt einer seiner Freunde, und wir können hinzufügen: auch sonst. Dazu kommt die Nachricht, daß der zuständige Bischof von Lecce, ein Freund seines Onkels, verreist sei und durch den “sehr gestrengen” Bischof von Castro, Giambattista Deti, vertreten werden sollte. Josef verbringt die Nacht in Poggiardo schlaflos und nimmt seine Zuflucht wieder zum Gebet. Das Examen am nächsten Tag nimmt einen unverhofften Verlauf. Die ersten Diakone überraschen durch so gute Prüfungsergebnisse, daß der Bischof darauf verzichtet, den Rest der Prüflinge, unter ihnen Josef von Copertino, dem Examen zu unterziehen, und er gewährt allen die Zulassung zur Priesterweihe. Am Tag danach, dem 18. Mai 1628, empfängt Josef mit allen anderen die Priesterweihe. Er verdankt sie, so erfährt er es, als besondere Gnade Gottes und der Fürsprache Mariens. Heiligkeit des Lebens — darauf kommt es an, gerade auch beim Priester. “Ohne sie sind alle übrigen Vorzüge wenig nütze. Mit ihr kann man Wunderbares wirken, auch wenn die übrigen Qualitäten in geringem Maß vorhanden sind”, schreibt Papst Pius Xl. in seiner Enzyklika über das katholische Priestertum (vom 20. Dezember 1935) — unter ausdrücklichem Hinweis auf Josef von Copertino. Aber noch steht unser Heiliger am Anfang seines geistlichen Weges und priesterlichen Wirkens. Eingedenk des “geringes Maßes” geistiger Qualitäten, versucht Pater Josef sich in seinem Kloster dort nützlich zu machen, wo irgendeine Arbeit anfällt: in Garten oder Stall, in der Kirche oder auf der Baustelle ... Die unscheinbarsten Dienstleistungen und Putzarbeiten waren ihm gerade recht. Er pflegt wieder den Maulesel und sammelt mit bloßen Händen, ungeschickt, wie er ist, den Kehricht in der Kirche. Er ist der Bescheidenste, der Letzte in der Gemeinschaft, nicht einmal zum Betteln kann man ihn nach den ersten Erfahrungen hinausschicken; brachte er doch bei seiner Unbeholfenheit und Vergeßlichkeit — oder soll man sagen: Gedankenverlorenheit — nichts mit nach Hause. Ihm selbst war seine Unwissenheit schmerzlich bewußt, die manche Mitbrüder mit Trägheit erklärten. Also widmete er sich abends, ja ganze Nächte, mit vermehrtem Eifer dem Studium, mußte er doch in der Verwaltung des Bußsakramentes seiner priesterlichen Verantwortung gerecht werden. Und immer wieder geht er ins stille Gebet und nimmt sich in strenge Zucht bis zur Züchtigung des eigenen Leibes. Geistliche Formung und “Abtötung”, wie es in der Sprache der alten klösterlichen Askese so anschaulich heißt, muß sein Bemühen um das nötige Wissen unterstützen — ja, es wird ihm wichtiger als alles andere. Um so mehr bemerkt er nicht nur die Mängel seiner Bildung, sondern zunehmend auch jeden äußeren Mangel. Es ist wie ein unüberwindbarer Nachholbedarf, der ihm, aus den ärmlichsten Verhältnissen kommend und in äußersten Entbehrungen erfahren, immer deutlicher macht, wie sehr ihn Anhänglichkeit an die angenehmen Dinge des Lebens, geradezu ein Hunger nach ihnen zu fesseln droht. Die gutgemeinten Geschenke seiner begüterten Verwandten, wie feine Wäsche, eine Uhr, schöne Bilder, ein neuer Ordenshabit, werden ihm auf einmal zur Versuchung. Es treibt ihn, sich jeden Wunsch selbst zu erfüllen, und er vergißt darüber alles Vertrauen auf die gütige Vorsehung Gottes und das Gelübde klösterlicher Armut. So wird er zum Gespött seiner Mitbrüder. — Weiß er denn, was er will? Er stellt sich dem entscheidenden Kampf zwischen Mittelmäßigkeit und rückhaltloser Hingabe, zwischen Bequemlichkeit und Streben nach geistlicher Reifung. Walter Nigg bemerkt dazu, “daß auch Josef nicht von selbst oder von Natur aus, sondern nur durch den Engpaß einer unerbittlichen Askese hindurch zum Heiligen aufstieg”10. Um in dieser Bewährungsprobe zu bestehen — die Quellen sprechen ausdrücklich von “Anfechtungen des Satans” —,verzichtet er auf alle Annehmlichkeiten, züchtigt sich bis aufs Blut und unterzieht sich der schmerzlichen “Losschälung von allem Irdischen” (wieder ein solch anschauliches Wort), so radikal, daß er schließlich sich selbst ganz vernachlässigt. Sein Habit zerfällt in Fetzen, sein Äußeres ist bald das eines verwahrlosten Landstreichers — und er fühlt auch manchmal eine brennende Scham darüber. Dazu überfallen ihn Zweifel und Trostlosigkeit. Das ganze Elend seines Lebens wird ihm bewußt, die Wunden, die ihm das Leben, und die Verletzungen, die ihm Mitmenschen geschlagen haben, schmerzen erneut in der Erinnerung mit solch zermürbender Gewalt, daß er sich dessen nicht erwehren kann. Was soll er auch tun? Zu nichts ist er nütze, niemandem kann er sich verständlich machen, auch seinen Mitbrüdern nicht, und Zeit seines Lebens wird er seiner Gemeinschaft eine schwer erträgliche Last bleiben. Zwar hatten ihn von Kindheit an auch immer Zeichen und die innere Erfahrung der liebenden Nähe Gottes begleitet und gestärkt — jetzt aber schlägt das ganze Elend seines Lebens über ihm zusammen; er befindet sich vollends in einem Zustand der äußersten Trostlosigkeit und schrecklicher Dürre, ganz und gar von Gott verlassen. “Ich beklagte mich bei Gott” Im Rückblick auf diese zwei schrecklichen Jahre wird er später einem Freund schreiben: “Ich beklagte mich oft bei Gott über Gott. Für ihn hatte ich alles verlassen, und er, statt mich zu trösten, überlieferte mich einer tödlichen Herzensangst. Als ich eines Tages wieder einmal weinte und seufzte — wenn ich nur daran denke, ist es mir, als sollte ich sterben —,klopfte ein Mönch an meine Tür. Ich antwortete nicht, und er trat ein. ‚Bruder Josef.... was fehlt dir? Ich bin gekommen, um dir zu dienen. Sieh, hier ist ein Leibrock. Ich glaube, du hast keinen.' Wirklich bestand mein Leibrock fast nur aus Fetzen. Ich zog den Rock an, den der Unbekannte gebracht hatte, und alle meine Verzweiflung war augenblicklich verschwunden.”11 Josef hatte sich über Gott beklagt, ja, aber — bei Gott. Weiter gehts auf der nächsten Seite ===>>>
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