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Die Sage vom Kischtä-Männle

[04.10.2005] Vor langer Zeit hauste auf dem Honberg ein Vogt, der sehr geldgierig war. Er bestrafte die Leute, die ihren Zins nicht bezahlen konnten, sehr hart und ließ sie am liebsten in den Schuldturm werfen. Selbst bei Mißernten und teuren Zeiten nahm er keine Rücksicht und ließ sogar die ältesten Witwen einsperren, wenn sie zu Martini oder anderen Zinstagen nicht ihre Zinshenne entrichten konnten.

Zur Strafe mußte er nach seinem Tode als Geist umgehen und seine großen Schätze  an Arme verschenken.
Er sammelte die Geldstücke in einer Truhe, die er im untersten Verlies aufbewahrte. Wenn nachts alles schlief, ging er hinunter in den Schatzkeller und wühlte in dem Geld, das er aufgehäuft hatte. Die Schuldgefangenen ließ er langsam verhungern und ihr Stöhnen und Jammern rührte sein kaltes Herz nicht. Zu dem Schatzkeller führte ein geheimer Gang, den nur der Vogt verschließen konnte.

Als er, wie gewohnt, eines Nachts wieder in des Keller ging, hörte er das Jammern und Stöhnen der hungrigen Gefangenen. Hartherzig schritt er hinunter bis an die Tür des Schatzkellers, de nur von außen zu öffnen war. Er drückte auf das Schloß der Geheimtür, die sonst als Teil der Mauer erschien, und diese öffnete sich. Von oben drang das Wimmern und Stöhnen der Gefangenen erneut hinunter.

Voll Wut trat der Vogt in seinen Schatzkeller, indem er mit aller Gewalt die Tür hinter sich zuwarf. Er eilte zu seiner Geldtruhe, deren Deckel er öffnete, und ließ voll Gier die blinkenden Geldstücke durch seine Hände gleiten. Nichts störte ihn in seinem Tun; denn das Wimmernder hungrigen Gefangenen war in dem verschlossenen Raum nicht mehr zu hören.

Nach einer geraumen Zeit erwachte der Geizhals aus seinen Träumen und schickte sich an, den Schatzkeller zu verlassen. Da er aber die Tür beim Eintreten selbst zugeworfen hatte und das Schloß nur von außen zu öffnen war, hatte er sich selbst gefangen und mußte nun elendiglich vor Hunger sterben, wie seine armen Gefangenen.

Zur Strafe mußte er nach seinem Tode noch so lange als Geist umgehen, bis er seine großen Schätze ganz an Arme verschenkt hatte. Das ging nicht so schnell und war nicht leicht, weil das Kischtämännle auch als Geist nicht anders als geizig sein konnte und weil die Armen nichts von seinem Sündengeld haben wollten.

Kischtä-Männle in der Ruine auf dem Hausberg von Tuttlingen, dem Honberg

 
Fuhrmann-Webseite des Tuttlingen e.V.

  Geiß-Webseite des Tuttlingen e.V.

  Waldkauz-Webseite des Tuttlingen e.V.

Schnitterin-Webseite des Tuttlingen e.V.
ischtämännle war klein wie ein Zwerg und hatte einen langen, weißen Bart und eine Pelzkappe auf dem Kopf. Seine mageren Füße steckten in riesengroßen Lederschuhen. Es wohnte in den Ruinen des Honbergs und saß tagsüber schlafend auf seiner Kiste im Keller. In der Nacht kam es herauf und setzte seich auf die Burgmauer. Es verschenkte seine Gulden nur an die, die in seiner Gunst standen. So tat es den einen Gutes und den anderen brachte es Schaden. Sehen konnte das Kischtämännle nur, wer ein Sonntagskind war und in einer Wiege gelegen hatte, die aus einer am Honberg gewachsenen Eiche gemacht worden war.

Einem armen Manne, der in der Not seine Zuflucht zum Kischtämännle nahm, soll es ein Säcklein voll Gold gegeben haben. Der mann durfte nur nicht in den Sack schauen, bevor er daheim war.

Das Kischtämännle konnte aber auch sehr konzig sein. Oftmals lief es hinüber auf die Witthohsteige, wo viele Fuhrwerke und Fußgänger unterwegs warten. Es setzte sich hinten auf den Wagen. Der wurde dann so schwer, daß die Pferde die Last nicht mehr zogen. Und wenn ein Fuhrmann den Kleinen sah, lachte der hellauf und sprang in den nahen Wald.

Die Fußgänger führte es auf Seitenwegen in den Wald hinein, daß die nicht mehr aus und ein wußten.

Einem armen Bäuerlein hatte es einmal zwei Kitzlein (kleine Geißen) verkauft und die Tiere über alle Maßen gelobt. Das Bäuerlein tat die jungen Tiere in einen Sack und lief schnell nach Hause. Als es aber den Sack aufmachte, waren statt der Kitzen zwei Waldkäuze drin.


Am Seltenbach draußen, bevor man zu den Talhöfen kommt, hatte das Kischtämännle einmal den Schnitterinnen einen guten Dienst erwiesen. Sie waren vom Sicheln schon am frühren Morgen müde und hatten sich in den Schatten eines Baumes gelegt. Eine sprach den Wunsch aus, es möge doch einer kommen und den Acker mähen, da stimmten alle anderen ein. Während sie lachten und plauderten, kam ein alter Mann des Wegs, der fragte, ob er ihnen helfen dürfte. "Gerne", riefen sie, " wir möchten auch einmal zusehen, wie andere in der Hitze mähen."

Der Mann war plötzlich verschwunden, und es tauchten rund um den Acker kleine Männlein mit Sicheln auf, die zu schneiden begannen. Die Schnitterinnen riefen den Zwergen zu: "Aber fein säuberle !". Da war auch der Alte wieder da und schärfte den kleinen Arbeitern ein: "Schnell, aber fein säuberle !" Im nu war der Acker gemäht und das Korn zu Garben geschichtet. Die Zwerge verschwanden und der Alte sagte lachend zu den Schnitterinnen: "Fein säuberle ist der Acker". Seitdem heißt der Acker "Feinsäuberle-Acker". Der fremde Alte aber war niemand anderes als das Kischtämännle vom Honberg.

So trat er in mancherlei Gestalt auf, das eine Mal als guter, helfender Mensch, das andere Mal als konziger, hinterlistiger Schelm. Auch als heulender Hund und als Honbergrössle soll er schon durch die Wälder gesprungen sein.




Mehr Informationen kann man finden unter:
 Mit freundlicher Genehmigung von NV Honberger Tuttlingen e.V.

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