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2x Peking hin und zurück

[21.12.2005] In 20 Jahren hat sich in China einiges geändert. Vom Fahrradland zum Autoland. Hat die chinesische Bevölkerung mit dieser rasanten Entwicklung Schritt halten können.


1982 besuchte ich das erste mal China. Es war eine Geschäftsreise, die ich zusammen mit einem Partner unternahm. Unsere Reise führte über Hongkong nach Peking Shanghai und anschließend nach Kanton. Zu dieser Zeit hatte die chinesische Regierung außer diesen 3 Städten  noch zwei weitere Großstädte für Ausländer freigegeben. Das Land begann sich durch Deng zu öffnen.

Am Flughafen in Peking erwartete uns ein Betreuer, der uns zum Hotel brachte. Unser erster Restaurantbesuch war gewöhnungsbedürftig. Beim Anblick der unerwarteten Schäbigkeit der Tische ohne Tischtücher, der schwitzenden Kellnerinnen, die im Laufschritt die Speisen auf den Tisch knallten, mussten wir uns erst an das fremde Essbesteck gewöhnen. Doch der Hunger hat uns im Umgang mit den Stäbchen schnell vorangebracht.

Am nächsten Morgen wurden wir von einem Dolmetscher und einem Chauffeur abgeholt, die uns zum ersten Meeting fuhren. Dort saßen wir drei volle Tage stundenlang mit einer 12-köpfigen Verhandlungsgruppe an einem Tisch und versuchten  die Geheimnisse der chinesischen Verhandlungsphilosophie zu verstehen. Sie diskutierten und diskutierten. Plötzlich waren alle still und der Dienstälteste ( ca über 80 Jahre) ergriff das Wort und sagte einige Sätze zum Dolmetscher. Der wiederum unterhielt sich mit uns. So ging es stundenlang.

Es wurde nur über ein Produkt verhandelt, -ein ganz gewöhnlicher Metallkoffer für eine Bohrmaschine. Der erste Prototyp, den die Chinesen speziell für diesen Termin herstellten, war schon etwas angerostet und in seiner Form deutlich verzogen. Doch wir hatten uns in Deutschland schon vorbereitet und wussten , dass wir bei unseren Verhandlungen darauf achten mussten, da sonst der Geschäftspartner sein Gesicht nicht verlieren durfte, und so machten wir eine gute Miene, wussten aber, dass dieser  Prototyp in Deutschland keine Chance hatte.

Nach 3 Tagen langatmiger Verhandlungen, wurden wir endlich belohnt für diesen Marathon. Zwei Tage lang wurden uns, von unserem Begleiter die schönsten Sehenswürdigkeiten von Peking gezeigt und wir waren sehr beeindruckt. Durch das Tor des Himmlischen Friedens traten wir hinein mit Bauern und Soldaten, die uns Langnasen von unten bis oben angafften. Wir sind ergriffen vom Zauber eines antiken Geistes, der uns weiter und weiter hineinzieht in das Grosse Innere, das “Da Nei“ Wir durchschreiten die endlose Folge der Höfe, steigen weiße, abgetretene Freitreppen hinauf, die zu den Pavillons der kaiserlichen Audienzen führten. Die große Leere der sandfarbenen Höfe, von rosa Mauern umschlossen- all dies ist China.

Doch überall in der Stadt kann man eine Aufbruchstimmung spüren. Vielleicht ist das, was wir heute sehen, der letzte Rest des alten Peking. Überall schießen Reihen von Mietshäusern in die Höhe. Und mitten in dieser Modernisierung bleibt vielleicht, hinter der Mauer eines Hofes, ein trauriger Tempel stehen. Schon während der Kulturrevolution wurden in Peking hundert Tempel und Klöster geplündert und zerstört. Nun scheint es, dass die Bulldozer ihre Zähne in die „Hutongs“ fressen und die kleinen alten Häuser verschwinden lassen. Mit den Hofhäusern verschwindet auch die Stadt. Die Chinesen sind enttäuscht und besorgt über die schlimme Situation ihres Landes.

Mao hat Bewegungen entfacht und Richtlinien gegeben und das Volk hat seine Orientierung verloren. Alles wächst nun zufällig, provisorisch. Nur auf der Changan und dem Platz des Himmlischen Frieden scheint es als sorgten sich die Führer nur um diese Fassade und auch nur dies wird den Besucher gezeigt. Der Rest der Stadt bleibt sich selbst überlassen. Sobald man in eine Seitenstrasse kommt, schlägt einem beißender Urindunst aus den öffentlichen Latrinen entgegen. Karawanen durchqueren die Straßen, beladen mit Kohle, Backsteinen und Weißkohl. Die Gesellschaft besteht aus Arbeitseinheiten, die wie Schließfächer sind und nur eine begrenzte Verantwortung haben.

Morgens schallten  aus Lautsprecher dem Bürger die neuen Verkehrsregeln entgegen. Doch die Pekinger kümmern sich wenig darum. China geht eintönigen Zeiten entgegen, ohne persönliche Freiheiten. Mehr und mehr Ausländer werden kommen, um Fabriken zu bauen und mehr  Hotels werden für sie gebaut. China verändert sich. Eingeführt wird das Prinzip der Konkurrenz, die Verteilung von Arbeitsplätzen nach Angebot und  Nachfrage. Es soll wieder individuelle Arbeitsverträge und Steuern geben und es gibt eine neue Kampagne um die Politik des Einzelkindes durchzusetzen. Es wird rigoros durchgesetzt. Frauen werden zur Zwangsabtreibung gezwungen oder das zweite Kind wird nach der Geburt weggenommen und mit einer Spritze getötet.

Am letzten Tag vor der Abreise mit dem Zug nach Shanghai fragte ich mich, wie sich China in Zukunft weiter entwickeln wird.

20 Jahre später

folgte mein 2. Besuch nach Peking und ich war neugierig was sich in der Zwischenzeit verändert hat.
Bahnhof von Shenzhen

Der Zug verläßt den Bahnhof

Im Zuginneren herscht reges Treiben
Dieses Mal begann für mich China mit dem Zug von Shenzhen aus. Es hatte wohl gerade das Wochenende zum Frühlingsfest begonnen. Die Züge waren komplett überfüllt. Es ging sehr laut zu in den Waggons. Während Mädchen mit den Zöpfen heißen Tee aus bunten Thermosflaschen ausschenkten, plärrte entweder ein chinesisches Radio oder mehrere Videogeräte gleichzeitig um die Wette.  36 Stunden reine Fahrzeit lag vor mir und der Zug fuhr mitten in der Nacht von Shenzhen ab. Zwei Schaffnerinnen wischten und putzten unaufhörlich den Flur, die Fenster und das Klosett.

Am Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen zieht die Landschaft vorbei. Saftgrüne Reisflächen, Berge und spärlich mit Bäumen bepflanzte  Landschaften wechseln sich ab. Aus den schornsteinlosen , geschwungenen Dächern quillt Rauch durch die Ziegel und hüllte die Häuser in Nebel. Das Land ist schön und selbstbewusst. Doch bei genauerem Hinschauen sieht man, dass die Landwirtschaft teilweise dem Zufall überlassen ist und die Häuser primitiv und ärmlich sind. An den Haltestellen skalieren die Schaffnerinnen in voller Uniform auf dem Bahnsteig. Vor jeder Waggontür jeweils eine. Die Bahnhöfe sind alle neu.Die zweite Nacht im Zug. Dieselben Köche bereiten im Speisewagen während der ganzen Reise die gleichen Speisen zu. Ich esse fast nichts, denn außer dem Reis scheint mir der Rest ziemlich undefinierbar zu sein.

Im ersten Morgengrauen, mit vorbildlicher Pünktlichkeit, erreichen wir Peking. Der Bahnhof sieht um diese Zeit trostlos aus. Die ankommenden Fahrgäste zerstreuen sich schnell. Müde nach der langen Fahrt, fahre ich mit dem Taxi gleich ins Hotel und schlafe erst einmal aus. Danach spaziere ich in Richtung Tianamen Platz. Erst jetzt bemerke ich die kolossale Veränderung in der Stadt, seit ich das letzte Mal vor 20 Jahren hier war. Hochhäuser, Bürogebäude, Apartment-Wohnhäuser, Luxushotels und Einkaufszentren reihen sich wie eine Perlenkette entlang der Straßen. Alles geht auf im rasenden Rausch eines schwindelerregenden Wirtschaftsbooms. Vor 20 Jahren waren es fast ausschließlich Fahrräder, die das Straßenbild prägten. Heute sind die Straßen verstopft mit Autos. Südlich des Tianamen-Platz in der „Dadushi Jie“ Straße stehen 14 neue Kaufhauszentren, von denen 12 leer stehen. Ständig wird man von geschäftigen Chinesen auf Englisch angesprochen, die einem an irgendeinen wichtigen Ort führen wollten. Vor den Eingängen der Kaufhäuser schallt unerträglich Rockmusik auf einen nieder. In einem der Kaufhäuser erlebe ich chinesische Marktwirtschaft pur. Auf ca 100 m im Quadrat kämpfen sich im Abstand von zwei Metern, Propagandisten die Lunge aus  dem Hals um die Kunden mit Nützlichem und auch viel mehr Unnützem zu umwerben. Doch die meisten Chinesen schauten nur und können sich die Produkte sowieso nicht leisten.

Ich befand mich gerade in der Unterführung die hinaufführte zum Tianamen Platz, als Polizisten die Aufgänge für Chinesen sperrten und  nur Ausländer und Touristen durchließen. Als ich oben am Platz ankam, sah ich fast nur Uniformierte und es lag etwas Bedrohliches in der Luft. Plötzlich veränderte sich das Bild und die Polizisten liefen ganz hektisch durcheinander und stürzten sich auf einige Westler, die versuchten, eine Menschenkette zu formieren und Banner entrollten, auf denen nur eine Botschaft in englisch und chinesisch stand: „Falun Gong ist gut“. In Windeseile wurden sie von den Unformierten eingekreist, zu Boden geschleudert, mit Füßen getreten um sie anschließend in die  bereitgestellten Mannschaftsbusse zu pferchen. Polizeiautos tauchten aus allen Ecken und bremsten halsbrecherisch mit quietschenden Bremsen. Ich machte einige Bilder mit meiner Digitalkamera und verließ ganz schnell den Platz um nicht auch in das Chaos hineingezogen zu werden. Das hat mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt und es hat einige Zeit gedauert, bis ich  diesen brutalen Überfall der chinesischen Staatsmacht verdaute. Hier wurden offenbar  friedliche Menschen zusammengeprügelt, die sich gegen die Menschenrechtsverletzungen in China einsetzten.

Auf der einen Seite erlebte ich nach 20 Jahren einen Turbokapitalismus, auf der anderen Seite herrscht nach wie vor eine Diktatur, in der die Menschenrechte mit Füßen getreten wird.

Nach 2 Tagen reiste ich wieder aus Peking ab und war froh, in Hongkong wieder frei atmen zu können. Trotz „ ein Land, zwei Systeme“ hat man hier immer noch das Gefühl, in einer demokratischen Umgebung zu leben. Die Stadt fasziniert mich noch immer. Am nächsten Tag geht es wieder zurück nach Deutschland.
W:K



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