Uhren, die das Leben verlängern. Über den Uhrmacher der rückwärts laufenden Zeit
[03.11.2005] Auf halbem Wege zwischen Legende und phantastischer Wissenschaft steht eine von dem Schriftsteller Jacques Yonnet in seinem Buch "Enchantements sur Paris" berichtete Geschichte, die an das Mysterium der Zeit und der Magie rührt.
In der Pariser Rue des Grands-Degres befindet sich auf einem von der Straße etwas zurückliegenden Grundstück ein kleiner Uhrmacherladen, in dem kaum drei Menschen Platz finden dürften. Ein Firmenschild verrät den Namen des Handwerkers: Cyril M., Uhrmachermeister.
Um die Wahrheit zu sagen, Meister Cyril ist nur sehr selten in seinem Laden zu sprechen, so daß man glauben möchte, auf eine eventuelle Kundschaft legt er keinen großen Wert.
Doch nach den in der Bibliothek des Zeughauses aufbewahrten Dokumenten hat es schon seit dem 14. Jahrhundert hier immer einen Uhrmacherladen gegeben.
Cyril M. ist ein seltsamer Mensch von ungefähr 40 Jahren, und seine Beschäftigung ist sehr ungewöhnlich: Er stellt nämlich Uhren her, deren Zeiger sich rückwärts drehen, d. h. von rechts nach links. Doch die Stundenzahlen auf dem Zifferblatt sind ganz normal.
Die Eingeweihten haben für den Meister einen Beinamen; sie nennen ihn den »Uhrmacher der rückwärts laufenden Zeit«.
Lange hat man sich den Kopf zerbrochen, welchen Zweck wohl Uhren oder Wecker haben sollten, deren Zeiger auf neun Uhr stehen, wenn es drei Uhr ist.
Jacques Yonnet hat nach einer geduldigen Untersuchung das Rätsel gelöst: Meister Cyril M. fabriziert Uhren, die seine Kunden verjüngen.
Schon vor 6oo Jahren wurden am gleichen Ort von einem Uhrmachermeister namens Biber magische Uhren verkauft. Er machte großartige Geschäfte. Denn es ist nicht schwer, einen Käufer für eine Maschine zu finden, die jung macht, die die Zeit zurückdreht und ihren Besitzer zu einem wunderbaren Abenteuer verlockt.
Doch eines Tages trafen sich zufällig bei Meister Biber ein Dutzend seiner Kunden und wollten ihn dazu bewegen, den Ruckwärtsgang ihrer Uhren anzuhalten.
»Da kann ich nichts machen«, sagte der Kaufmann. »Wenn diese Uhren angehalten werden, werden sie die unabwendbare Stunde Eures Todes anzeigen. Worüber habt Ihr Euch eigentlich zu beklagen? Ihr, Messire Olivier, waret achtzig Jahre alt, als Ihr mich zuerst besuchtet, ebenso Ihr, Messire Gontault, und Ihr alle hattet schneeweißes Haar oder waret gebrechlich. Das ist so lange her, daß Ihr schon längst, längst gestorben sein müßtet, wenn meine Uhren Euch nicht in die Zeit der jungen Liebe zurückgeführt hätten.«
»Gewiß«, meinte Messire Olivier, »das wollen wir gern zugeben, aber nun sind wir bald Jünglinge, und unser Geschick wird ein Tod sein, dessen genaues Datum wir voraussehen. Könnt Ihr nicht diese verdammten Maschinen auf den regelmäßigen Gang umstellen, damit wir uns nun ganz sacht auf den Weg zu einem natürlichen Tod machen?«
»Unmöglich! Diese Uhren sind aus einem Metall gemacht, in das Euer Fleisch und Euer Blut hineingemischt wurden, und die auf Euren Namen getauft sind. Ihr Schicksal ist das Eure, und ich kann daran nichts ändern!«
Sie erhoben Einspruch, und einer von ihnen erwiderte:»Um Eure Uhren zu erwerben, haben wir Euch teuer bezahlt, Meister Biber; so teuer, daß Ihr verpflichtet seid, uns zu helfen, und das ist jetzt gut und gern sechzig Jahre her. Nun, Ihr seid immer noch in den Vierzigern, während wir so jung werden, daß wir bald daran sterben müssen. Ihr kennt also das Geheimnis, wie man die Zeit anhält. Und wir wollen auch davon profitieren.«
»Ihr habt recht«, antwortete der Uhrmacher, »aber ich kann Euch leider nicht helfen, so gern ich auch möchte. Meine Uhr hat die Eigenschaft, daß sie die Zeiger bald in Richtung auf die Vergangenheit, bald in Richtung auf die Zukunft sich drehen läßt, so daß für mich die Zeit stillsteht. Diese Uhr war das Meisterstück meines Lehrherrn, eines Venezianers, aber er hat mir sein Geheimnis nicht vermacht, und mein Wissen reicht nur zur Herstellung Eurer Uhren aus. Und wenn Ihr mich totschlagt, ich könnte nichts daran ändern.«
Die alten Jünglinge zogen sich bestürzt zurück. Aber bald danach trafen sie in der Nacht wieder zusammen. Sie drangen in die Werkstatt des Uhrmachers ein, um ihm seine Zauberuhr zu rauben, jeder in der Hoffnung, die Uhr für sich behalten zu können. Sie fanden die Uhr auch wirklich, aber sie stritten sich darum so hitzig, daß das Wunderwerk auf die Fliesen fiel und zerbrach. Nun war sie jedoch die Ahnfrau aller ihrer Uhren, und als sie stillstand, standen auch alle andern still, und die Jünglinge fielen wie vom Blitz getroffen tot zu Boden. Am folgenden Morgen fanden die Häscher des Königs zehn Leichen in der Werkstatt des Uhrmachers, und da keiner eine sichtbare Verletzung aufwies, glaubten sie, die Männer seien durch das Eingreifen höllischer Mächte ums Leben gekommen, was ja in der Tat der Fall war. Sie begruben sie unverzüglich in verrottender Erde, ohne kirchliche Einsegnung und ohne daß die Sterbeglocke geläutet wurde.
Soweit der Bericht der Chronik. Er findet eine seltsame Bestätigung über die Jahrhunderte hinweg: In der Rue des Grands-Degres hat es immer einen Uhrmacherladen gegeben, und es gibt ihn da auch heute noch. Sein Eigentümer steht in dem Ruf, daß er sich auf den gleichen Trick versteht wie sein Vorgänger.
Meister Cyril M. ist vierzig Jahre alt wie weiland Biber (übrigens ein Beiname Cagliostros), und er gehört dem Rat der »Alten vom Maub« an. Jedes Mitglied ist merkwürdigerweise über 8o Jahre alt. (Es handelt sich um eine Geheimgesellschaft, deren zwölf Mitglieder in der Gegend um den Place Maubert wohnen.)
Noch seltsamer: Meister Cyril M. läßt sich manchmal herbei, Ereignisse aus seinem Leben zu erzählen, die sich zu einem Zeitpunkt abspielten, da er noch gar nicht geboren war. Er ist zweimal in die Fremdenlegion eingetreten, was ja eine bequeme Methode ist, seine Identität zu wechseln.
Im 16. Jahrhundert glaubte man noch fest an solche phantastischen Geschichten. Maler malten magische Porträts, indem sie nach echtem Zauberritus abgeschnittene Nägel, Haare und ein wenig Fleisch und Blut ihres Modells in die Farbe mischten. Das Bild wurde dann getauft und eingesegnet und wurde gewissermaßen der mit Leben begabte Doppelgänger seines Besitzers. Ihm konnte nichts Übles widerfahren, solange das Porträt sicher aufbewahrt war. Man schloß es daher an einem wohlbehüteten Ort ein.
Eines Tages sah man, wie auf der Pont-Neuf in Paris ein vornehmer Herr seine Kleider zerriß, sich zu Boden warf und schrie:
»Feuer! Feuer! Ich verbrenne!« Die Zeugen des Vorfalls sahen indessen keine Spur von - Flammen und glaubten, daß der Mann verrückt geworden sei. Doch er schien furchtbare Qualen zu leiden und brüllte in einem fort. Schließlich stürzte er sich in den Fluß, aus dem man ihn ertrunken herauszog.
Später erfuhr man, daß dieser Mann ein magisches Porträt zu Hause hatte, daß sein Haus in Flammen aufgegangen war und daß er sicher im selben Augenblick die Verbrennungsqualen gespürt hatte, als das Bild vom Feuer verzehrt wurde.
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