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Teil 1 - Stalin und die neuen "Siege über die Natur", doch die Natur schlug zurück.

[12.08.2005] Stalin ließ seine Allmachtsphantasien so formulieren: "Wir planen die Umgestaltung der Natur." Mitte der dreißiger Jahre befahl der Diktator in seinen mittelasiatischen Provinzen ein Bewässerungssystem von babylonischen Ausmaßen.

Die mächtigen Ströme Amudarja und Syrdarja, die mit ihren Wassern aus dem niederschlagsreichen Pamir- und Tienschan-Gebirge den Aralsee speisten, wurden für riesige Felder angezapft, auf denen Baumwolle, das "Weiße Gold" angebaut wurde.

Gut die Hälfte des umgeleiteten Wassers versickerte.
Das ist der Rest von dem was heute einst von großem klarem Aralsee übrigblieb


Das war einmal der Aralsee vor langen Jahren.
Die Natur schlug zurück. Der Syrdarja ist in der Nähe des Aralsees zu einem Rinnsal verkümmert; der Amudarja, wegen seiner Wasserkraft einst der "Tollwütige" genannt, erreicht den Aralsee gar nicht mehr. Ohne seine Zuflüsse aber wird das Binnenmeer stranguliert - mit furchtbaren Folgen für die Trinkwasservorräte, für das Klima der Region. Die Sommer werden heißer, die Winter unerträglich kalt, Stürme fegen über das Land. Ganze Wirtschaftszweige wie die Landwirtschaft und die Fischerei sind verschwunden.

Die Führer der Sowjetunion haben eine ökologische Katastrophe ausgelöst, weil sie die Flüsse zu "bezwingen" glaubten - mit Folgen, die der Welt heute wenigstens einigermaßen bekannt sind.

Muinak im heutigen Usbekistan war einmal eine stolze Fischerstadt an einem großen Wasser. Die Belege dafür finden sich überall: im Stadtwappen, das auf einem riesigen Schild am Ortseingang prangt und einen dicken Fisch als Symbol zeigt. Am Marktplatz, wo inmitten der Häuser ein Kutter wie aufgebahrt als Wahrzeichen thront. In der Fabrik, wo riesige Waschanlagen und automatische Konservenbahnen darauf warten, Plötze und Karpfen und Wels zu verwerten.

Es ist alles da in Muinak, der Stadt der Fischer am Aralsee. Nur keine Fischer - und kein Wasser.
Islam Utarbay ist hier zu Hause. Er war früher ein Kerl wie ein Bär, ein von allen in Muinak bewunderter Ringer, ein Medaillengewinner bei Bezirksmeisterschaften - vergilbte Fotos zeugen davon. Aber im Alter sind die Schultern eingefallen. Der Hüne ist geschrumpft, "ein bisschen wie der See da draußen", sagt er mit hilflosem Grinsen.


Utarbay geht über einen kaum noch erkennbaren Pfad hinunter zum einstigen Hafen. Dorthin, wo sie in seiner Jugendzeit vor 40 Jahren immer frühmorgens die Fangflotte erwarteten, wo sie am Strand übermütig in die Wellen sprangen. Wo die tägliche Fähre zum 400 Kilometer entfernten nördlichen Teil des Sees ablegte.



Die Menschen von Muinak haben den Platz an der einstigen Mole längst umgetauft. "Friedhof der Schiffe" heißt er jetzt.

Der einstige Stolz der Fischer vom Aral.

da liegen sie nun und warten auf etwas, was wohl nie wieder kommen wird?

Versiegt sind die Flüsse, die einst so mächtig den Völker ihr Labsal spendeten.

Kähne liegen wie Gerippe in der Wüste. Ausgeschlachtet bis auf die Eingeweide: die Planken verheizt, kostbarer Stahl weggehämmert, Schiffsschrauben abmontiert. Und doch bleibt genug übrig für die Erinnerung. "Die Karakalpakija hier gehörte meinem besten Kumpel", sagt Utarbay. Er wirft liebevoll eine Hand voll Sand in Richtung des rostenden Fischkutters inmitten der Wüste, als wolle er ihm die letzte Ehre erweisen.

Auf einem anderen Trawler, vor dem Kamele dösen und abgemagerte Kühe zwischen den Disteln nach Resten von Grün suchen, hat ein Verzweifelter an die Schiffswand geschrieben: "Vergib uns, Aral, was wir dir angetan haben. Komm zurück!"

Doch das wird der Aral nicht tun. Das einst viertgrößte Binnenmeer der Welt, 120fach so groß wie der Bodensee, liegt im Sterben. Der Aral hat durch Austrocknung schon 55 Prozent seiner Fläche und über 80 Prozent seines Volumens verloren. Die Menschen von Muinak, die 1960 in einem Fischerort lebten, 1970 immerhin noch in Sichtweite des Sees, trennt nun schon fast 80 Kilometer Salzwüste von dem Leben spendenden Nass.

Salz und Sand sind geblieben und bald ist die gefährlichste Landbrücke aller Zeiten geschaffen!
Das Wasser geht, die verseuchte Insel kommt. Sie ist gewachsen, von 200 Quadratkilometer auf über 2000. Rückt näher ans Festland, Meter um Meter. Ein Monster, drohend und unaufhaltsam.

Wissen die Einwohner von Muinak, dass sowjetische Wissenschaftler auf dem Eiland "Wiedergeburt" im Aralsee grausame Biokrieg-Experimente mit Affen durchführten und dort gefährliche Milzbrandsporen vergraben sind?

"Nie davon gehört", sagt Utarbay und kratzt sich am Kinn. "Aber wir sagen immer: Von der Insel da draußen kommt nichts Gutes."

Für den Wassernotstand am Aralsee ist der Baumwoll-Wahn sowjetischer Planwirtschaftler verantwortlich, und der hat mit dem Biokrieg-Wahn der Kremlherren auf den ersten Blick nichts zu tun.
Und doch Stalin ließ diese Allmachtsphantasien so formulieren: "Wir planen die Umgestaltung der Natur."
Quelle Erich Follath




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