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Teil 2 - Wieder war es Stalin, mit dem alles begann.[12.08.2005] Die Führer der Sowjetunion haben auch versucht, hier am Aral Mikroorganismen zu Kriegszwecken zu manipulieren - mit bisher geheim gehaltenen und für die Zukunft womöglich noch gefährlicheren Auswirkungen.
"Wir nennen sie nur noch Insel der Totgeburt."
1952 ein neuer Versuch: Die Armeeführung stationierte auf Wosroschdenije ihre Einheit 25484, neue, geheime Versuchslabors entstanden. Der kleine Flughafen Barchan und der Hafen Udobnaja sicherten den regelmäßigen Transport aufs Festland. Die Biowissenschaftler und die involvierten Militärs erhielten Schutzimpfungen und Gefahrenzulagen; doch die Winde bliesen fast immer Richtung Süden, Richtung Muinak, auch als die Männer um Kanatjan Alibekow dann ihre Tierversuche durchführten. Auch als sie die Milzbranderreger so knapp unterm Boden vergruben. 1991 brach die Sowjetunion auseinander, Moskau musste auch seine muslimisch geprägten Südrepubliken in die Unabhängigkeit entlassen. Die Grenze zwischen den neuen Staaten verläuft heute quer durch den Aralsee, die südlichen zwei Drittel von Wosroschdenije gehören zu Usbekistan, der Norden ist Teil von Kasachstan; die nächstgelegene russische Stadt ist fast 700 Kilometer entfernt. Ein Jahr später versprach Jelzin dem Westen, alle Biowaffen-Programme zu beenden, die letzten Wissenschaftler und Soldaten zogen von der Insel der Wiedergeburt ab. Der russische Präsident sagte zu, alle Einrichtungen vollständig abzubauen und die Insel zu dekontaminieren. Außerdem sollten die Regierungen in Taschkent und Almaty detaillierte Informationen über die angeblich nur "defensiven" Biowaffen-Experimente erhalten. Jelzin konnte sich gegenüber den Militärs offensichtlich nicht durchsetzen: Usbeken und Kasachen warteten vergebens auf die Unterlagen. Die usbekische Regierung bat schließlich in Washington um Hilfe. Amerikanische Wissenschaftler flogen (auch mit der Genehmigung der Regierung Kasachstans) zum ersten Mal im August 1995 auf die Insel, seither gab es noch drei Inspektionen. "Wir hatten unsere Schutzanzüge an und sahen aus wie die Astronauten auf dem Mond", sagt einer, der dabei war. "Nur dass es für uns viel bedrohlicher war als für Armstrong und Co." Die schreckliche Entdeckung: Auf der Insel der Wiedergeburt haben zumindest hochgiftige Milzbrandbakterien überlebt. Die Sporen fanden sich in sechs der elf Gruben, in denen die Sowjet-Wissenschaftler die Erreger, nur mit Bleichmittel versetzt, in Stahlbehältern verscharrt hatten. An einigen Stellen war der tödliche Stoff sogar schon an der Bodenoberfläche vorzufinden. Die amerikanischen Experten versuchen die Gruben zu dekontaminieren, machen sich aber über ihre Erfolge keine Illusionen. Einer der US-Forscher sagt resigniert: "Das Teufelszeug wird sich auf Wosroschdenije verbreitet haben. Kleine Vögel, Ratten und Eidechsen können die Bakterien transportieren. Und wenn die Insel erst einmal aufgehört hat, eine Insel zu sein, wenn sie auf dem Festland freie Bahn haben ..." Die Situation im Krankenhaus von Muinak ist schon heute verzweifelt. In kahlen Zimmern, erleuchtet nur von einer Glühbirne, sitzen auf Feldbetten Mütter mit ihren Babys. Es ist ruhig, nur ab und zu ein Wimmern. Die Kleinen haben nicht so viel Kraft, die meisten leiden unter Anämie, auch Tuberkulose ist verbreitet. Und die Muttermilch ist so vergiftet, dass sie den Babys eher schadet als hilft. Sie brauchen Infusionen, Antibiotika, Vitamine. Von den usbekischen Behörden sei wenig Hilfe zu erwarten, in Taschkent habe man sie wohl vergessen, sagt Chefarzt Mambet Amanbay. Spenden kämen aus dem Ausland, auch aus Deutschland. "Uns fehlt es praktisch an allem. Es gibt in Muinak und Umgebung kein einziges gesundes Baby. Und die Krebsrate der Erwachsenen gehört sicher zu den höchsten der Welt." In welcher Weise schon heute die Killerbakterien von Wosroschdenije zu diesen Krankheiten beitragen, lässt sich schwer feststellen. An einem Mai-Tag 1988 verendeten innerhalb weniger Stunden in der Turgay-Steppe nordwestlich des Aralsees Tausende Saiga-Antilopen; Todesursache unbekannt. 1991 wurden mehrere Pest-Epidemien gemeldet. Im letzten Jahr starb ein neunjähriger Junge bei Muinak an Pest. Im kasachischen Dschambul in Seenähe häuften sich in letzter Zeit Fälle von Milzbrand. "Experten fragen sich zunehmend, ob es zwischen diesen extremen Gesundheitsproblemen und der Insel der Wiedergeburt einen Zusammenhang gibt", schreibt die angesehene "Jane's Intelligence Review". Auch der Arzt von Muinak hat da seinen Verdacht. "Uns ist sie unheimlich", sagt er. "Wir nennen sie nur noch Insel der Totgeburt." Quelle Erich Follath 91 Seitenaufrufe Weitere Artikeln zu diesen Thema 12.08.2005 Teil 1 - Stalin und die neuen "Siege über die Natur", doch die Natur schlug zurück. 12.08.2005 Teil 2 - Wieder war es Stalin, mit dem alles begann. 11.08.2005 Teil 3 - Wosroschdenije - das bedeutet Wiedergeburt - heute heißt es nur noch die "Insel der Tänen" 11.08.2005 Zur Geschichte der Milzbrand-Erreger als biologische Waffe |
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