|
|
Johannes Kepler (1571-1630)
[21.06.2002] mit warheit mag ichs sagen das so oft ich die schöne ordnung wie eins aus dem anderen folget vnd abgenommen wirdt mit meinen gedancken auff einmahl durchlauffe so ists alls hett ich ein göttlichen nit mit bedeuttenden buchstaben sondern mit wesentlichen dingen in die Welt selbsten geschribenen Spruch gelesen dessen inhalts: Mensch streckh deine Vernunfft hieher diese dinge zu begreiffen.
Kepler in seinem Kalender auf das Jahr 1604.
Kindheit und Jugend
Johannes
Kepler wurde 1571 in Weil der Stadt als Kind protestantischer Eltern
geboren. Sein Vater Heinrich Kepler war ein Kaufmann in Weil, der
jedoch zwei Jahre nach Johannes Keplers Geburt in die Spanischen
Niederlande zog, um gegen die Calvinisten zu käpfen, wohin ihm Keplers
Mutter, Katharina 1575 folgte.
Johannes blieb bei den Schwiegereltern in Weil, wo er an den Pocken erkrankte (es blieben ihm zeitlebens Narben zurück).
Kepler
besucht zuerst in Leonberg die deutsche Lese- und Schreibschule,
anschließend die Lateinschule (ebenfalls in Leonberg). Danach ging er
auf die Klosterschule in Maulbronn, die damals eine Vorstufe zur
Ausbildung zum Pfarrer war. Für das Stipendium, das ihm diese
Schule finanzierte, mußte er sich verpflichten, später Theologie zu
studieren.
So begann er zunächst auch 1589 mit den
Vorbereitungskursen zum Theologiestudium an der Universität Tübingen.
In seiner ersten Zeit an der Universität entdeckte er jedoch seine
Vorliebe für Mathematik und Astronomie. Bei Michael Mästlin, Professor
für Mathematik und Astronomie, dürfte Kepler auch zum ersten mal mit
dem Heliozentrischen Weltbild in Berührung gekommen sein. Mästlin
vertrat das Kopernikanische Weltbild zwar nicht offen, dürfte aber in
seinen Vorlesungen seine tatsächlichen Ansichten durchklingen haben
lassen.
Kepler betrieb zwar sein Theologiestudium weiter,
verstrickte sich jedoch in Konflikte über die protestantische
Lehrmeinung. Nachdem er 1591 die philosophische Magisterwürde erlangt
hatte, versuchte er eine 1593 in Graz freiwerdende Stelle als
Mathematikprofessor am protestantischen Gymnasium anzutreten.
Kepler
suchte daher beim Landesfürsten um Entlassung aus den Verpflichtungen
ihm gegenüber, die er wegen eines Stipendiums hatte, an. Diese und die
Unterbechung des Theologiestudiums wurde ihm im Februar 1594 genehmigt.
Im März trat er die Reise nach Graz an.
Kepler in Graz
In
Graz hatte Kepler außer seiner Unterrichtsverpflichtung am Gymnasium
als Landschaftsmathematiker auch noch "Prognostiken", also
astronomische Kalender mit Vorhersagen über die Witterungsverhältnisse
und bedeutende Ereignisse des kommenden Jahres zu erstellen. Während er
mit seinen Prognostiken eine glückliche Hand bewies, war sein Posten
als Lehrer durchaus nicht unproblematisch:
Erzherzug Karl war
um 1570 dazu übergegangen, die Protestanten offen zu bekämpfen. Ein
Jesuitenkolleg, ein Jesuitengymnasium und 1585 schließlich eine
Jesuitenuniversität wurden gegründet und die Schule, an der Kepler
später unterrichtete wurde offiziell verboten. Obwohl sie weiter
bestand, war dieses Weiterbestehen jedoch von ständigen Schmäh- und
Hetzkampangen begleitet.
Zu seinen Erfolgen als
Landschaftsmathematiker in Graz gehörte, daß er ein Astrologisches
Prognosticum für das Jahr 1595 erstellte, in dem er sowohl das Wetter,
als auch Bauernunruhen und einen Türkeneinfall richtig vorhersagte.
Als
Astronom beschäftigte sich Kepler in Graz zunächst mit den Abständen
der Planeten zueinander, die er mit den Platonischen Körpern in einen
Zusammenhang brachte. Dieses "Weltgeheimnis" ( Mysterium
Cosmographicum) veröffentlichte Kepler 1597 als sein astronomisches
Erstlingswerk.
Im selben Jahr heiratet Kepler auch seine erste
Frau, Barbara, die mit 23 Jahren bereits zweifache Witwe war. Obwohl
diese Ehe offenbar von anfang an nicht unproblematisch war (einen
Rechtsstreit gab es bereits um das Verlöbnis), erhoffte sich Kepler von
der reichen Tochter eines Mühlenbesitzers materielle absicherung für
seine wissenschaftliche Tätigkeit. Am 2. Februar 1598 kam Keplers
erster Sohn, Heinrich zur Welt. Er starb jedoch, genauso wie Keplers
zweites Kind Susanna kurz nach der Geburt an Hirnhautentzündung.
Kepler
beginnt mit den Vorarbeiten zu den Harmonice Mundi und mit einer
Untersuchung über die Fixsternparallaxen. Dabei steht Kepler vor allem
vor dem Problem keine eigenen Meßinstrumente zu besitzen, um seine
Theorien empirisch zu überprüfen. Er versucht deshalb (und wegen der
sich zuspitzenden religiösen Verfolgung der Protestanten in Graz), eine
Anstellung beim Hofastronomen Tycho Brahe zu bekommen, dem Forscher,
der die genauesten empirischen Daten und die exaktesten Meßinstrumente
seiner Zeit hatte.
Die Zeit in Prag
Kepler
übersiedelt 1600 nach Prag, wobei er seinen Hausrat in Linz zurückläßt.
Er übernimmt zusammen mit Brahe die Berechnung neuer Planetentafeln für
Kaiser Rudolf II, die auch nach diesem Rudolfinische Tafeln benannt
werden. Kepler war gerade in Prag in eine Wohnung eingezogen, da starb
Tycho Brahe.
Bevor ihn die Erben daran hindern konnten, nahm
Kepler Brahes wertvolle Beobachtungsdaten an sich. Kurz nach Brahes Tod
konnte Kepler auch dessen Stellung als kaiserlicher Mathematiker und
dessen Astronomische Instrumente übernehmen.
Ende 1604 verfaßt
Kepler einen Bericht über eine Supernova, die er beobachtet hatte und
beginnt mit der Arbeit an der "Astronomia Nova", einer Abhandlung über
die Bewegung des Mars. Dabei stellt Kepler zum ersten mal die
Kreisförmigkeit der Planetenbahnen in frage und versucht die Marsbahn
zunächst mit einem oval zu erklären. Erst Ostern 1605 ringt er sich
dazu durch, eine elliptische Planetenbahn anzunehmen, eine Lösung der
er bis dahin als zu einfach mißtraut hatte. Er stellt die "Astronomia
Nova" noch 1606 fertig, der Druck dauerte jedoch bis 1609.
Im
folgenden Jahr erfährt Kepler von einer anderen revolutionären
astronomischen Entdeckung: Galilei hatte mittels eines Fernrohrs die
Jupitermonde und die Mondoberfäche gesehen, zwei weitere Tatsachen, die
das heliozentrische Weltbild Kopernikus unterstützten.
Als
Kepler im August dieses Jahres die Gelegenheit erhält, selbst ein
Fernrohr zu verwenden, schlägt Kepler in seiner Abhandlung über die
Optik, die Linsen und Linsensysteme "Dioptrice" eine verbesserte Form
des galileischen Fernrohrs vor. Dieses Keplersche Fernrohr, das sehr
lange in der Astronomie in Verwendung blieb, hatte als Okular statt
einer konkaven eine konvexe Linse. Es erlaubt dadurch wesentlich höhere
Vergrößerungen.
Als 1611 feindliche Truppen plündernd in Prag
einfielen und Rudolf II abdanken mußte, versuchte Kepler eine Stellung
in Linz zu erhalten. Am 3. Juli 1611 starb seine Frau Barbara an einer
Seuche. Kepler gab seine Kinder in Pflege und ging nach Linz.
Kepler in Linz
Im
Mai 1612 kam Kepler in Linz an und nahm eine Stellung an, die
einerseits als kaiserlicher Mathematiker die Herausgabe der
Rudolfinischen Tafeln, andererseits eine Unterrichtstätigkeit und die
Erstellung einer Landkarte umfaßte.
Kaum in Linz angekommen,
verwickelte sich Kepler in religiöse Streitereien, weil er dem
protestantischen Pfarrer von Linz seine religiösen Zweifel anvertraute.
Prompt wurde er von der Kommunion ausgeschlossen, was damals für einen
entsprechenden Skandal sorgte.
Im Oktober 1613 heiratete
Kepler in Eferding seine zweite Frau, Susanna, die ärmliche Tochter
eines Tischlers. Zusammen mit seinen zwei Kindern aus erster Ehe zog er
in ein Haus in der Hofgasse. Dort wurde er beim Weinkauf auf die Idee
gebracht, eine Untersuchung über das Volumen von Weinfässern zu
veröffentlichen, die "Nova Stereometria".
Im Jahr 1615 wurde
Kepler eine Tochter, Margarethe Regina, geboren. Ansonsten hatte er
aber große Probleme mit seiner Familie: In Leonberg wurde die Mutter
Keplers als Hexe diffamiert. Nach einem geschäftlichen Streit mit der
Gattin eines Glasers, Ursula Reinbold, bezichtigt diese Katharina
Kepler ihr einen bitteren Trank gegeben zu haben, an dem sie erkrankt
sei. Dabei wurde auch eine phantastische Erzählung Keplers, in der
seine Mutter als Hexe Fiolxhilde bezeichnet wird, als Indiz gewertet.
Der Prozeß gegen sie wird überdies vom Gericht unnötig hinausgezögert,
was die Verhältnisse weiter erschwert. Erst 1621 wurde sie von den
Vorwürfen befreit, nachdem sie unter Folter verhört worden war. Sie
starb jedoch kurz nach diesem "Freispruch", im April 1622.
Im
Mittelpunkt von Keplers wissenschaftlicher Arbeit in Linz standen die
Rudolfinischen Tafeln und die "Harmonices mundi libri V", die fünf
Bücher über die Weltharmonik. Im fünften Band dieses Werkes formuliert
er das dritte Keplersche Gesetz , das er am 18. März 1618 entdeckt
hatte. Im Juli 1619 wurde der Druck der Harmonices fertiggestellt, der
der Rudolfinischen Tafeln zögert sich jedoch unerwartet hinaus. Als
während der Bauernkriege die Druckerei, in der die Tabulae Rudolfinae
gedruckt werden sollen, in Flammen aufgeht, übersiedelt Kepler nach Ulm
um die Tafeln dort fertigzustellen.
Ulm und Sagan
Doch
auch in Ulm war der Druck der Rudolfinischen Tafeln nicht problemlos
möglich: Einerseits wollte sich der hochverschuldete Drucker an Kepler
schadlos halten, andererseits waren die Erben Tycho Brahes nicht mit
der Gestaltung des Frontispizes einverstanden. Das Tafelwerk wurde
schließlich im September 1627 fertiggestellt.
Im Juli 1625
übersiedelte Kepler nach Sagan, wo er auf den Tabulae Rudolfinae
aufbauend Ephemeriden für die Jahre 1629 bis 1636 berechnete, eine zu
Keplers Zeiten finanziell lukrative Aufgabe.
Am 15. November 1630 Stirbt Kepler in Regensburg.
################################################################################
Kepler war Astrologe
Zur Korrektur eines lügenhaften Heiligenbildes
Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen läßt. ARTHUR SCHOPENHAUER.
Ach, wenn sie wenigstens unsre Schulweisheit ... Wissenschaft ist, wenn man rechtzeitig zu denken aufhört. GÜNTHER NENNING
.. weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf. CHRlSTlAN MORGENSTERN
Große
Forscher, geniale Künstler und religiöse Erneuerer haben eines
gemeinsam: Sie werden zu Lebzeiten ziemlich verkannt, verunglimpft und
verfolgt, wenn möglich totgeschwiegen oder auch zu Tode gebracht; ist
dann das Gras der Jahrzehnte und Jahrhunderte über sie gewachsen, bläht
sich die Nachwelt auf, ihren Nachlaß zu rühmen und sie zu "großen
Söhnen der Menschheit" zu machen (seltener zu großen Töchtern)!
Dann
werden Straßen, Kongresse, Marzipankugeln und Universitäten nach ihnen
benannt, eine Flut lauwarmer Beweihräucherungsliteratur erscheint, und
die Buchhändler dürfen sich im 50-Jahresrhythmus über gekünstelte
Geburts- und Todesjubiläen freuen.
"Wenn der Onkel tot ist, darf
nicht mehr schlecht über ihn gesprochen werden!" Als Schweigegeld wird
der Nachlaß gleichmäßig aufgeteilt ... Wissenschafler und Politiker,
Wirtschaftstreibende, Kulturverweser und Patrioten klauben sich aus dem
"überragendem Werk" genau ihren Teil heraus und schleifen sich den
Autor zu einer glauen Heiligenstatue zurecht. Dies ist der Sloff, aus
dem die (ach so) grandiose Menschheitsgeschichte gedrechselt ist; die
Menschengeschichte aber bleibt auf der Suecke. So auch beirn
Namenspatron unserer Universität und "Hausheiligen" des TNF-Turms:
Johannes Kepler.
Minutengenaue Zeugung und die Schwächlichkeit des 7-Monats-Kindes
"Über
die Geburt Johannes Keplers. Ich bin der Frage meiner Zeugung
nachgegangen, die im Jahre 1571, am 16. Mai, morgens um 4.37 erfolgte.
Meine Schwächlichkeit bei der Geburt widerlegt den Verdacht, meine
Mutter sei bei ihrer Verheiratung, die am 15 . Mai stattfand, bereits
schwanger gewesen ... Ich kam also vorzeitig zur Welt, mit
zweiunddreißig Wochen, nach 224 Tagen, zehn Stunden ...". Also schrieb
der 25-jährige Kepler in ein umfangreiches Familienhoroskop. Die
Genauigkeit, mit der er nicht nllr Planetenpositionen und Geburtszeit
(27. Dezember 2.30 Uhr nachmittags), sondern eben auch die
Zeugungsminute bestimmt, muß selbst heutige Astrologen verblüffen. Doch
scheint sie typisch für einen Mann, dem die Sprache der Zahlen und die
Harmonie der Sphären über alles ging - und dessen Leben alles andere
als linientreu und harmonisch verlief.
Intellektuelle Selbstironie: Kepler als Hund
Wir
brauchen nur weiter seiner frühen Biographie zu folgen: " ... 1575
(vierjährig) starb ich beinahe an den Pocken, war bei sehr schlechter
Gesundheit, und meine Hände waren ganz kraftlos ...
1585 bis
1586 (vier- bis fünfzehnjährig Iitt ich ständig an Hautkrankheiten,
häufig an schlimmen Geschwüren, häufig an dem Schorf chronisch
faulender Wunden an den Füßen, die schlecht heilten und immer wieder
aufbrachen. An dem Mittelfinger der rechten Hand hatte ich einen Wurm,
an der Linken ein sehr großes Geschwür 1589 (achtzehnjahrig) Ich begann
schrecklich an Kopfschmen und Behinderung meiner Glieder zu leiden. Die
Räude befiel mich ... Dann gab es eine trockene Krankheit ...1592
(einundzwanzigjährig). Ich ging nach Weil und verlor einen
Viertelgulden beim Spiel ... Bei Cupinga bot man mir eine Jungfrau an;
am Vorabend von Neujahr vollbrachte ich es mit denkbar großter
Schwierigkeit; wobei ich heftige Blasenschmerzen hatte ..." (Arthur
Koestler: Die Nachtwandler, 231 f)
Die korperlichen Gebrechen
treiben Kepler in eine Bildungswut und Selbstironie, die ihn manchmal
dazu bringen, in spöttischer Distanz von sich in der dritten Person zu
schreiben. Die diesbezüglich markanteste Passage durfte jene sein, in
der er sich (in guter kynischer Tradition?) mit einem Hund vergleicht:
Dieser Mensch (also Kepler) hat in jeder Hinsicht eine hundeähnliche
Natur. Sein Äußeres ist das eines Schoßhundchens ... Er suchte standig
die Zuneigung anderer, war in allem und jedem von anderen abhangig ...
Er war standig in Bewegung und schnüffelte in den Wissenschaften, der
Politik und den Privatangelegenheiten, auch solchen niederster Art,
herum ... Er hat eine hundeartige Abscheu vor Bädern, Tinkturen und
Wässern. Seine Verwegenheit kennt keine Grenzen, was sicher dem Mars
irn Quadrat zu Merkur, in Trigon mit dem Mond zuzuschreiben ist;
dennoch gibt er auf sein Leben gut acht ... (Er hat) ein ungeheures
Verlangen nach dem Größten ..." (Koestler: 236).
Kepler macht
mit seinen Selbstbezichtigungen, mit seiner Suche nach Anerkennung und
mit dem frühen Bewußtsein seiner Außergewohnlichkeit Alfred Adlers "
Organminderwertigkeit alle Ehre: "Dieser Mensch wurde dazu geboren,
viel Zeit an schwierige Aufgaben zu wenden, vor denen andere
zurückschreckten", erkennt er denn auch an sich selbst (Koestler: 239);
und an anderer Stelle meint er gebremst optimistisch: " Woran andere
verzweifeln; das ist mir eine Eingangspforte zu Ruhm und Besitz, wenn
auch keine besonders breite." (Günter Doebel: Johannes Kepler, 224) ...
Wenn auch - zu Lebzeiten - keine besonders breite!
Abrechnung mit der Sippschaft und Hexenprozeß der Mutter
Daß
Kepler nie zu Besitz gelangte, lag zum einen daran, daß seine
fürstlichen Auftraggeber ihr Geld lieber in ihre Kriege als in die
hehren Wissenschaften steckten; mindestens ebenso entscheidend war aber
seine dürftige Herkunft. Während dem astronomischen Kollegen und
dänischen Adeligen Tycho de Brahe gemäß königlichem Dekret ein
märchenhaft üppiges Observatorium nebst der dazugehörigen Insel in den
Schoß fiel, darbte Kepler Zeit seines Lebens und hatte enorme
Schwierigkeiten, seinen Forschungsinteressen nachzukommen. Doch die
fehlende materielle Rückendeckung ist es nicht, die er seiner
Sippschaft als Spiegel vorhällt
Aus dem Familienhoroskop geht
vielmehr hervor, daß Kepler in einem gewichtigeren Sinne "von Haus aus"
benachteiligt war: Der Großvater Sebald, Richter der kaiserlichen Stadt
Weil, kommt noch relativ gut weg: "Im mittleren Alter erwarb er Ehren
und gab sich schwierigsten Geschäften zur Bewahrung der Vaterstadt hin.
Alle Ämter übte er aus, war besonders den Vornehmen gefällig, erwarb
daher im Alter das größte Vermögen, wie das Testament offenbart."
Doch
von da an ging es bergab mit dem Geschlechte der Kepler: "Mein Vater
Heinrich ist 1547 am 19. Januar geboren, Saturn richtete alles
zugrunde, brachte einen ruchlosen, schroffen, streitsüchtigen und
zuletzt einen Menschen von schlimmem Tod hervor. Die Stellung der
Gestirne vermehrte seine Bosheit, stürzte ihn in Armut ... Er erlernte
den Geschützdienst, hatte viele Feinde, eine Ehe voller Streit ... 1577
ergab sich für den Vater eine ungeheure Bedrohung, er fiel in Gefahr,
gehängt zu werden ... Sein Bruder Sebald, geboren am 13. November 1552,
war Zauberer, Jesuit, Priester der ersten und zweiten Ordination,
schmutzig im Leben; da er katholisch war, täuschte er lutherisch vor
... Er steckte sich mit der gallischen Krankheit an, war ruchlos und
haßte seine Milbürger ...". (Justus Schmidt:Johannes Kepler, 218 f.).
In diesem Tonfall geht es weiter. Onkeln, Tanten und Anverwandte
entgehen dem strengen Urteil nur mit wenigen Ausnahmen.
Mit der
Mutter und mit einer Tante hatte es indes eine eigene Bewandtnis: Sie
sammelten Kräuter und kochten Tränke, an deren Kräfte sie glaubten.
Das, und einige nebulose Verleumdungen, reichten zur damaligen Zeit
völlig aus, um der Hexerei verdächtigt zu werden. Die Tante endete
solcherart auf dem Scheiterhaufen und der Mutter Katharina wäre es um
ein Haar ähnlich ergangen. Nachdem sie knapp der Folter entkommen war,
wurde sie - von einer sechsjährigen Untersuchung zermürbt - doch noch
freigelassen (ein halbes Jahr später verstarb sie, 75jährig). Das
Überraschende dabei: Der Sohn Johannes, der die Mutter im
Familienhoroskop nicht eben ins beste Licht gerückt hat
("klatschsüchtig und zänkisch, von schlechter Veranlagung"), zerfranst
sich fast zu ihrer Veneidigung. Laufend macht er Eingaben an die
Behörden, setzt seine ganze Autorität als kaiserlicher Mathematiker ein
und reist zweimal des längeren von Linz nach Würtemberg, um seiner
Mutter beizustehen.
Zwischendurch muß er entdecken, daß auch er
selber "verbottener Künsten bezüchtigt worden sey, was ihn in seinem
Eifer aber umso mehr anstachelt. So weit, daß er gegen Ende des
Verfahrens von gerichtlicher Seite schon gefürchtet ist: "Sein
Auftreten im Prozeß wird am kürzesten und besten gekennzeichnet, wenn
der Stadtschreiber in dem Protokoll einer Gerichtssitzung ... bemerkte:
Die Verhaftin erscheint Ieider mit Beystand Ihres Herrn Sohns Johann
Kepplers Mathematici." - (Caspar: Johannes Kepler, 300). Ja - eines
kann Kepler wohl am wenigsten vorgehalten werden: daß er nicht mutig
genug gewesen sei, sich aus Wahrheitsliebe auch zwischen die Stühle
setzen! - Sei es beim Hexenprozeß gegen die Mutter, sei es im eigenen
Konflikt mit der Kirche oder in der Auseinandersetzung mit den Gegnern
Scharlatanen der Astrologie ...
Warnung an die Gegner der Astrologie - Kepler macht nicht nur Kalender:
Wer
die Sekundärliteratur zu Kepler studiert und einige astrologische
Kenntnis besitzt, wird vor einem Schwall wissenschahlich gestylter
Ignoranz erschrecken müssen. Manche Autoren tilgen die Astrologie fast
vollständig aus Keplers Biographie, manche meinen, einen (heroischen?)
Abwehrkampf führen zu müssen gegen alle Eintrübungen des neuzeitlichen
Denkens. Hiebei wird Keplers frühe Leidenschaft für Astrologie
gleichsam als spätpubertäre Verwirrung begriffen; sodann werden aus dem
Gesamtwerk Keplers einige astrologiekritische Aussagen
herausdestilliert und so oft abgedruckt, bis daß ein "klinisch reiner"
Kepler zustande kommt. Die meisten Nachlaßverwalter sind zusehr in
ihrem Entweder-Oder Käfig gefangen, um zu bemerken, daß Johannes Kepler
sowohl Verteidiger als auch Gegner der Astrologie war.
Damals
wie heute ist nämlich Astrologie nicht gleich Astrologie! Was Kepler
verabscheute, war die Jahrmarkts- und Volksverdummungsastrologie.
Dagegen gibt es in der Tal genügend Polemiken, die - wohlweislich -
aber nicht in inquisitorischer Strenge abgefaßt sind; Kepler wußte sehr
genau um die Empfänglichkeit der Leute für Zukunftsdeutungen und rang
sich zu manchem Kompromiß durch: "Wir benutzen die ungeordnelen und
verderblichen astrologischen Begierden der Menge, um ihr als
"Heilmittel geeignete Mahnungen unler der Form von Prognostiken
verhüllt einzuträufeln." (Doebel: 219) Mit den Prognistiken sind in
diesem Falle Kalenderwerke gemeint, die in erster Linie "Von den vier
Jahrzeiten, ihrer Witterung, Kranckheiten und Fruchtbarkheit" handelten
und gewöhnlich von den Landschaftsmathematikern erstellt wurden. Kepler
bewies darin eine glückliche Hand und machte sich bald einen Namen.
Schon
sein erster Kalender war ein Volltreffer - er schreibt an seinen Lehrer
Michael Mästlin: "Übrigens haben sich die Voraussagen des Kalenders so
weit als richtig erwiesen. Es ist eine ungeahnte Kälte in unserem Land.
In den Höfen auf den Bergen sterben die Leute vor Kälte. Nach
zuverlässigen Berichten fallen ihnen die Nasen ab, wenn sie nach Hause
kommen und sich schneuzen ..." (Koestler: 242f). Kepler erstellt
darüber hinaus auch - eine Unzahl von Geburtshoroskopen - zumeist für
adelige Interssenten. Oft war der Andrang so stark, daß er allmonatlich
eine briefliche Bitte um ein "Thema Natiuitatis" zu beantworten habe
(vgl. z.B. Ges. Werke: Bd. XVII, Brief Nr. 694ff). Das Vergnügen
darüber wird zwar heftig bezweifelt, die Einkünfte aus den
astrologischen Auftragswerken waren für Kepler aber jedenfalls
unverzichtbar. Alle eingefleischten Rationalisten mögen an dieser
Stelle bedenken, daß seine astronomischen Weitwürfe ohne die
Finanzquelle der "Sterndeuterei" vielleicht gar nicht möglich gewesen
wären. Er selbst war sich dessen voll bewußt. "Der Fürwitz in
Astrologia lehret und ernehret die Astronomiam." Doch damit sind wir
schon mitten in seinem astrologischen Hauptwerk:
Keplers mögliches Vermächtnis: Die Welt nicht dem Bad auszuschütten
"Warnung
an etliche Theologos, Medicos und Philosophos ..., daß sie bey
billicher Verwerfung der Sternguckerischen Aberglauben/nicht das Kindt
mit dem Badt außschüuen und hiermit ihrer Profession unwissendt zuwider
handlen", heißt es und erfüllt in vollem Maße, was die Titelseite
verspricht: "Mit vielen hochwichtigen zuvor nie erregten oder erönerten
Philosophischen Fragen gezieret/Allen wahren Liebhabern der natürlichen
Geheymnussen zum nohtwendigem Unterricht ...". Kepler liefert ein
Lehrstück für anschauliche, einfallsreiche und mehrdimensionale
wissenschaftliche Argumentation. Da wird eben nichts "billich"
verworfen, sondern sorgfältig geprüft, da schlägt nicht das ängstliche
Hüten dereigenen Grenzen (des eigenen Horizonts) durch, sondern ein
lebhaftes Interesse am Unbekannten. "Eygentliches fürhaben dieser
Schrifft: daß nemlich in der Astrologia viel grosser Geheymnussen der
Natur verborgen liegen", schreibt er in die vorbildliche
Inhaltsübersicht Er diskutiert die zeitgenössischen astrologischen
Meinungen, fügt seine Ansichten hinzu und legt Querverbindungen, etwa
zur "Medicina Botanica". "Wann die Mutter grosses Leibs und an der
natürlichen Zeit ist, so suchet dann die Natur einen Tag und Stund zur
Geburt, der sich mit der Mutter ihres Vattem oder Brudern Geburt
Himmels halben ... vergleichet", heißt es - zur Kostprobe - im
Paragraph 67, der Paragraph 108 enthält einen gerafften Einblick in ein
nicht nur vemünftiges Weltbild: "Wahr ist es, die Sterne seynd nicht
darumb geschaffen, daß sie mich meistern, sondern zu nutz und Dienst
... Aber wahr ist auch darneben, Daß mein natürliche Seel ... also
erschaffen seye, daß sie in der Geburt von dem Gestirn einen
charakterem empfahen ... " (Ges. Werke: Bd. IV. 155 ff).
Nie
kommt bei der Lektüre von Keplers Werken der Eindruck auf, daß er, wenn
er ein Urteil fällt, nicht wüßte, wovon er spricht. Anstatt einer
bestimmten Methode anzuhängen, zieht er es vor, sich mit
verschiedensten Blickwinkeln vertraut zu machen. Er hat darob auch
keine größeren Schwierigkeiten, den aufkommenden neuzeitlichen
Rationalismus mit älteren Erkenntnistraditionen "unter ein Dach" zu
bringen (diese Schwierigkeiten scheinen erst seine Biographen und
Interpreten zu haben). In fruchtbarer Synthese und(!) strenger
Scheidung geht nicht nur die Astrologie, sondern auch die
pythagoräisch- mystische Zahlenmagie in sein Werk ein; sie liefert ihm
die Grundlagen für seine "vollkommenen Körper" und harmonischen
Relationen. Und Kepler wiederum wirkt auf diese Traditionen zurück: Der
Astrologie etwa beschert er eine wesentlich verbesserte Aspektlehre.
Ein Leben in spannungsreicher Auseinandersetzung also, die bis ins
Alter durchhielt: "Noch mit 55 Jahren bewarb sich Kepler in Straßburg
um einen Lehrstuhl für Astrologie." (Bauer/Dümotz/Golowin: Lexikon der
Symbole, 473)
Wenn ich in die Runde von Keplers angeblichen
Nachfolgern blicke, so wird es rar um die eben gelobten Tugenden.
Schnell sind sie mit ihrem "Irrationalismusverdacht" zur Hand, wenn es
um tias Abblocken anderer Erkennmiswege geht. "Die sollen dann
angeblich so gefährlich sein, besonders für "unsere" heranwachsende
Jugend. Solche Aussagen produzieren natürlich immer öfler einen
Bumerang-Effekt, denn was könnte irrationaler und gefährlicher sein,
als viele wissenschahliche "Segnungen" der Gegenwart: vom Atom-U-Boot
über das Bildungwesen bis zur 2-Liter-Leichtflasche! Angesicht der
brisanten Weltlage ist es doppell befremdlich, daß sich viele
Wissenschafter (oh wieder besseres Wissen!) an ihren überkommenden
Standorten einigen und nicht bereit sind, etwas radikal Neues (oder
radikal Altes) wenigstens auszuprobieren. Anstatt dessen wird - ähnlich
einer dogmatisch erkaltelen Kirche - ein verbissener Abwehrkampf
geführt. Nicht selten mit unlauteren Mitteln:
Szene 1: 1975
veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift "The Humanist" eine.
Erklärung, inder sich 186 Wissenschaftler, darunter 18
Nobelpreisträger, gegen die Astrologie wenden. Paul Feyerabend griff
die Stellungnahme auf, zu prüfen, wie es um die Stichhaltigkeit der
Aussagen und um die fachliche Kompetenz der Unterzeichneten bestellt
sei. Seine Ergebnisse werfen ein seltsames Bild auf die vermeintlich
seriösen Herren:"... das Urteil der 186 führenden Wissenschaftler" ruht
auf einer vorsinntflutlichen Anthropologie, auf einer Unkenntnis
neuerer Resultate in ihren eigenen Wissenschaften ... sowie auf der
Unfähigkeit, die Implikationen von Resultaten zu sehen, die sie kennen.
Es zeigt, wie oft Wissenschaftler ihre Autorität selbst dann einsetzen,
wenn sie nichts wissen." (Erkennmis für freie Menschen, l61). Kurzum:
Ein höchst unwissenschaftliches Verhalten!
Szene 2: In ganz
ähnlicher Manier flimmerte im Vorjahr der Astrophysiker und Romanautor
Carl Sagan über Österreichs Bildschirme. In einer wissenschaftlichen
Dokumentation postierte er sich breit und überlegen schmunzelnd vor der
Kamera. Aus zwei verschiedenen lllustrierten verlas er dann zwei
ziemlich konträre Tageshoroskope und meinte triumphierend (... so
ungefahr): "Na, da sehen Sie, daß an der Astrologie nichts dran sein
kann!" Bei einem etwas höheren Bekanntheitsgrad der astrologischen
Methodik häue er sich damit völlig lächerlich gemacht. Er hätte gewirkt
wie einer, der sich auf den Waggon einer Spielzeugeisenbahn setzt und
dann lautstark verkündet: "Na, da sehen Sie, daß das Bahnfahren zu
nichts führt!" (Und außerdem: Wer sagt denn, daß wissenschafliche
Aussagen nicht auch widersprüchlich sein dürfen?).
In solchen
Auseinandersetzungen tritt die Beschränktheit mancher
Wissenschaftstreibender voll zu Tage. Es ist eine Beschränktheit, die
aus der fonwährenden Eigenbeschränkung kommt. In solchen
Auseinandersetzungen zeigen sich auch die Glaubensakte deutlicher, die
jeglichem Wissenserwerb und jeglicher Hortung von Wissen vorgelagen
sind. Und die Abwehrbastionen gegen die persönliche Veränderung lassen
etwas von ihrer Mauerdicke spüren ... Das Zeitalter des maschinenhaften
Funktionierens steckt in der Krise; der Weg der "modernen und
fortschrittlichen Menschheit" wird rückgebrochen auf die Ebene der
Selbstreflexion, der Selbstvergewisserung und Selbsterfahrung. Die
wiedererstehende Astrologie bildet nur eine Facette dieser Entwicklung.
- Wer sich wirklich mit anderen Erkenntniswegen befaßt, wer sich in
andere Weltbilder einläßl, läuft unweigerlich Gefahr, sich zu
verwandeln. Und demgegenüber hegen viele Rationalisten eine
fürchterliche Furcht!
Freilich: Auf Johannes Kepler solllen sich
die Verwalter der "einzig wahren und vernünftigen Wissenschaft" in
ihrer blinden Ablehnung fremder Wirklichkeiten nichtmehrberufen - auch
und gerade an einer Universität nicht, die seinen Namen trägt!
Mehr Informationen kann man finden unter: • Mehr Informationen hier
Weitere Artikeln zu diesen Thema 07.03.2009 NIKOLA TESLA (1856 - 1943) - eine kurz Biographie 30.01.2005 John Worrell Keely (1896) 27.06.2002 Robert Stirling (1790 - 1878) 22.06.2002 Viktor Schauberger (1885-1958) 21.06.2002 Nicola Tesla (1856 - 1943) 21.06.2002 Wilhelm Reich (1897 - 1957) 21.06.2002 Alfred Bernhard Nobel (1833-1896) 21.06.2002 Johannes Kepler (1571-1630)
|
|