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Moderne Vermarktung der tibetischen Medizin

[10.02.2005] Aus: TRIN-GYI-PHO-NYA: TIBET'S ENVIRONMENT AND DEVELOPMENT DIGEST
Die tibetische Medizin wird immer mehr zu einem lukrativen Geschäft, das den großen pharmazeutischen Unternehmen in China Millionengewinne beschert. So wurden verschiedene neue Richtlinien zur Standardisierung der Produktion und des Vertriebs von Erzeugnissen tibetischer Medizin erarbeitet, die hauptsächlich zur Erleichterung des Handels und der Verwaltungsarbeit dienen. Diese neuen Vorschriften erweisen sich jedoch als außerordentlich nachteilig für diejenigen, welche die einzigartige buddhistische Heiltradition ausüben.

Einer Studie zufolge gibt es in den verschiedenen Regionen des tibetischen Hochplateaus insgesamt 75 pharmazeutische Firmen, die mit tibetischer Medizin handeln; dreißig davon werden von Tibetern geführt. Während die in den buddhistischen medizinischen Texten (gyushi) niedergelegten spirituellen Anweisungen zur Herstellung der Heilmittel durch die aggressive industrielle Produktion in zunehmendem Maße vernachlässigt werden, rückt eine andere interessante Frage, nämlich die der Wirksamkeit und Heilkraft der tibetischen Medizin, immer mehr in den Vordergrund. “Ein Amchi (tibetischer Arzt) stellt Arzneien her, um mit ihnen seine Patienten zu heilen, die pharmazeutischen Unternehmen produzieren Medikamente, um damit Profite zu erzielen”, erklärte ein besorgter tibetischer Arzt aus Amdo (das heute zu der Provinz Qinghai gehört).
Den neuen Regierungsvorschriften zufolge müssen sich alle tibetischen Heilkundigen einem mühseligen Registrierungsverfahren unterziehen. Nachdem sie ihre Zulassung erhalten haben, dürfen sie Arzneien verkaufen, allerdings ausschließlich an Privatpatienten. Rinchen-Tsotru-Dashel, ein Medikament, das normalerweise 20 Yuan kostet, wird nun von den pharmazeutischen Unternehmen für 50 Yuan verkauft.
“Bald wird uns die Herstellung dieser Medikamente untersagt werden, denn chinesische Firmen erwerben immer mehr Patente auf diverse tibetische Heilmittel”, erklärte der tibetische Arzt. Für das tibetische Volk geht es langfristig um das Überleben seiner jahrhundertealten medizinischen Tradition als auch um den Zugang, den Mitglieder der Gemeinschaft noch dazu haben werden. Es liefe doch auf eine Pervertierung der tibetischen Medizin hinaus, wenn das tibetische Volk infolge eines ungesunden Patentsystems, das die großen industriellen Unternehmen begünstigt, die Heilkundigen vor Ort jedoch ausschließt, gezwungen würde, die von seiner Kultur hervorgebrachten und in seinem Land hergestellten Produkte zu einem höheren Preis von einer chinesischen Firma zu kaufen.
Die Kommerzialisierung der tibetischen Medizin hat auch Konsequenzen für die Umwelt. Bei den meisten pflanzlichen Bestandteilen der tibetischen Arzneien handelt es sich um seltene Heilkräuter, die im tibetischen Hochgebirge heimisch sind. Gegenwärtig gibt es keine Kontrollmechanismen, um das wahllose Sammeln dieser Pflanzen einzuschränken. Die Kommerzialisierung der tibetischen Medizin hat die Nachfrage nach diesen Bestandteilen dramatisch in die Höhe getrieben, was zu einem weit verbreiteten und der Umwelt abträglichen Raubbau an bestimmten Spezies geführt hat. Eine dieser seltenen Pflanzenarten ist der blaue Mohn (meconopsis sp., tib. utpal ngonpo), der von chinesischen Unternehmen zur Behandlung von Hepatitis B vermarktet wird; tibetische Heiler befürchten, daß er aussterben wird, falls er weiter in diesen Mengen gesammelt wird.
Die Herausforderung für die Entscheidungsträger in China liegt nicht nur in der Einbindung der tibetischen Medizin in den wirtschaftlichen Mainstream und die Produktionsabläufe, sondern auch in der Erhaltung und Förderung dieser einzigartigen Tradition mit ihrem Kenntnisreichtum und ihrem Erfahrungsschatz. Tibetische Medizin leichter zugänglich und erhältlich zu machen, ist ein durchaus lohnendes Ziel – allerdings nur dann, wenn bei diesem Prozeß die Tradition, der sie entstammt, nicht verschluckt und zerstört wird.



  Aus: TRIN-GYI-PHO-NYA: TIBET'S ENVIRONMENT AND DEVELOPMENT DIGEST
Tibet Justice Center, 2288 Fulton Street, Suite 312, Berkeley, CA 94704
www.tibetjustice.org, dev@tibetjustice.org
January 5, 2005, Vol. 2, Issue 6


 


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