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Schlachtabfälle, Gammelfleisch – und kein Ende in Sicht

[11.09.2007] Schon wieder sind in Bayern 20.000 Kilogramm Gammelfleisch gefunden worden. Nach derzeitigen Erkenntnissen der Memminger Staatsanwälte sollen von der beschuldigten Firma "Wertfleisch" insgesamt bis zu 180.000 Kilogramm verkauft worden sein. Die große Masse dieses "Fleisches" ging nach Berlin, aber nicht nur dorthin. Auch an Dönerstände in Brandenburg, Bremen, Hamburg, Braunschweig, Salzgitter, Wolfsburg, Essen und sogar in andere europäische Länder soll geliefert worden sein. Das Gammelfleisch ist also wieder mal flächendeckend verteilt worden.

Gammelfleisch ist Abfall – und muss Abfall bleiben!
Aber was heißt das eigentlich: "Gammelfleisch"? Was haben wir uns darunter vorzustellen? Als Gammelfleisch werden landläufig Fleischabfälle der so genannten Kategorie 3 bezeichnet, die von geschlachteten Tieren stammen oder auch ehemalige Lebensmittel sein können, die aber als verzehrsuntauglich eingestuft wurden. Dazu gehören auch jene Teile von Tieren, die die meisten Menschen nicht essen mögen und niemals bewusst zu sich nehmen würden, wie z.B. Knochen, Augen, Euter, Sehnen, Hühnerskelette Schweineschwarten, Blut, Federn, Häute, Hörner, verschiedenste Innereien, Geschlechtsteile usw. Das ist das Eine und für die meisten Menschen schon ziemlich widerlich, aber das ist leider noch nicht alles: Diese Abfälle dürfen - weil sie ja nicht mehr für den menschlichen Verzehr vorgesehen sind - ungekühlt in Containern gelagert werden. Das heißt konkret: Irgendwann handelt es sich nicht mehr nur um eklige Abfälle, sondern um verdorbene Abfälle, also im Wortsinn um "Gammelfleisch".

Gammelfleisch-Tourismus in ganz Europa
Solches "Fleisch" darf unkontrolliert europaweit gehandelt werden. Und um die Größenordnung zu verdeutlichen: Es geht hier nicht um ein, zwei LKW-Ladungen, sondern wir sprechen von 16 Millionen Tonnen jährlich! Und das scheint ein gutes Geschäft zu sein. Unglaublich, aber wahr: Der größte Fleischkonzern Europas, "VION", verdient besser an Abfällen als an Frischfleisch. Trotzdem sind diese Schlachtabfälle im Vergleich zu genusstauglichem Fleisch nicht besonders wertvoll, können also nicht sehr teuer verkauft werden. Und jetzt fragen Sie sich vielleicht: Was macht der Händler dann eigentlich damit? Denn laut Gesetz dürfen diese Abfälle niemals in die menschliche Nahrungskette gelangen. Einzig für Heimtier-, also Katzen- und Hundefutter, dürfen sie genutzt werden. Was wahrscheinlich den einen oder anderen Haustierbesitzer auch ins Grübeln bringt.

"Aus alt mach neu" oder "Aus Gammel mach Frischfleisch"
Aber gerade weil diese Abfälle so billig sind, besteht nun die Chance, sehr viel Geld damit zu machen. Vor allem, da man aus diesem eher wertlosen Produkt - gleichsam im "Handumdrehen" - ein wertvolles Produkt machen kann. Diese wundersame Verwandlung - vergleichbar mit der märchenhaften Verwandlung von Stroh in Gold - ist in der Realität sogar noch einfacher als im Märchen. Keine komplizierte Zauberformel ist erforderlich, auch kein schwierig herzustellender Hexensaft. Einfach durch "Handumdrehen", also ein anderes Etikett auf den Container, und schon werden per "Etikettenschwindel" aus wertlosem Abfall teuer verkäufliche, genussfähige Fleischreste, also Lebensmittel gezaubert. Um im Bild zu bleiben: aus billigem Stroh ist glänzendes Gold geworden. Die Fleischabfälle wandern dann in Würste, Gulasch, Geschnetzeltes, Nudelfüllungen oder eben in Döner.

Betrügen lohnt sich!
Sicherlich kennen Sie auch das Sprichwort: "Gelegenheit macht Diebe". Die Vorgänge rund ums Gammelfleisch werden damit recht gut beschrieben. Denn der Etikettenschwindel ist ganz einfach. Vor allem weil sich ja der Anbieter und der Abnehmer immer einig sind. Denn beide machen ein gutes Geschäft. Der Händler kann den Abfall als angebliches Lebensmittel mit deutlichem Preisaufschlag verkaufen und der Verarbeiter, zum Beispiel der Dönerhersteller, kann die in Lebensmittel verwandelten Abfälle billiger einkaufen als reguläre Ware! Beide verdienen am Betrug der Verbraucher!

Weil das so einfach ist, haben wir es auch nicht mit Einzelfällen zu tun, wie man uns mit der Legende von den "einzelnen schwarzen Schafen" einredet, die angeblich über ach so große kriminelle Energie verfügen sollen. Ganz im Gegenteil, das Problem ist ein flächendeckendes und europaweites. Viel kriminelle Energie ist wirklich nicht erforderlich, weil es unwahrscheinlich ist, erwischt zu werden, die Verdienstspanne gute 1000 Prozent betragen kann und die zu erwartende Strafe läppisch ist. Und das genau ist der Cocktail, aus dem Gammelfleischskandale gemacht werden.

Es gibt wirksame und praktikable Lösungen
foodwatch fordert, dass Schlachtabfälle auch wirklich wie Abfälle behandelt werden. Zum Beispiel wie Abfälle der chemischen Industrie. Dort müssen die Chemiekonzerne für die Entsorgung ihrer Abfälle haften. Das heißt übertragen: Die Fleischkonzerne und die gesamte Lebensmittelwirtschaft müssen für eine lückenlose Entsorgungskette ihrer Produkte verantwortlich gemacht werden. Und dazu trägt ganz praktisch die Pflicht zur Einfärbung aller nicht oder nicht mehr als Lebensmittel geeigneten Waren bei. foodwatch fordert schon länger: Abfälle einfärben! Damit würde Verbraucherbetrug auf einen Schlag massiv erschwert. Welcher Döneranbieter würde wohl grüne oder blaue Dönerspieße braten? Welcher Restaurantbesitzer Geschnetzeltes mit lila Einsprengseln einkaufen - geschweige denn servieren?

Es gibt also echte Lösungen! Jetzt sind die verantwortlichen Politiker gefragt, sie durchzusetzen.

Aber wie so oft fließt die viel beschworene Kreativität der Politiker wieder mal nicht in Lösungen, sondern in Ausreden. Einige schieben vor, dass die Europäische Union (EU) nicht mitmacht. Der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister Uhlenberg befürchtet sogar, die Heimtiernahrungsmittelindustrie könnte abwandern, wenn die Abfälle eingefärbt werden! Was im Umkehrschluss bedeutet: Hauptsache der Heimtierfutterindustrie geht es gut; dass wir dann weiter gammeliges Fleisch essen, ist zweitrangig.

Je mehr wir sind, umso wirkungsvoller können wir uns gegen Gammelfleisch wehren – werden Sie jetzt Fördermitglied von foodwatch!
Liebe foodwatch-Interessierte: Sie merken, so kann es nicht weiter gehen. Politiker, Handel und Fleischindustrie werden von sich aus die Situation nicht grundsätzlich verändern. Wie so oft ist dafür Druck von Verbraucherseite notwendig. Wenn Sie die Artikel, Berichte und Interviews in den Medien verfolgen, dann merken Sie, dass der öffentliche Druck, der schon jetzt von foodwatch ausgeht, nicht unerheblich ist. Aber wir müssen ihn aufrechterhalten und verstärken. Was wir dafür am dringendsten brauchen sind möglichst viele Mitglieder. Denn die Stärke von foodwatch wird an der Anzahl seiner Mitglieder bemessen. Je mehr Mitglieder wir haben, umso ernster werden wir genommen. Deshalb: Werden Sie jetzt Fördermitglied mit einem Monatsbeitrag von 5, 10 oder 20 Euro. Oder dem entsprechenden Jahresbeitrag. Ganz wie Sie mögen. Damit wir uns für Ihre Rechte als Verbraucher wirksam einsetzen können!

Herzlichst,

Ihre Gabriele Richter


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