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Wilhelm Reich (1897 - 1957)

[21.06.2002] Der universale Forscher des Lebendigen - Kaum ein Wissenschaftler dieses Jahrhunderts hat so viel Begeisterung und derart wütenden Widerspruch ausgelöst wie Wilhelm Reich. Für viele war er ein Universalgenie, vergleichbar mit Goethe oder Leonardo da Vinci, für andere ein wissenschaftlicher "Aussteiger" und Scharlatan. Die Vielseitigkeit des Werkes Wilhelm Reichs ist atemberaubend. Von der Psychiatrie über die Körpertherapie bis zur immunologischen Krebsforschung hat er jeweils Grundlagenarbeit geleistet.

Reich hat die Natur des Lebendigen erforscht, in vielen Bereichen Grundlegendes entdeckt und damit das wissenschaftliche Establishment erstaunt und verschreckt. Er hat die von Freud "Libido" genannte Lebensenergie physikalisch erforscht und praktisch anwendbar gemacht. Über die lebendige Energie hat er so verschiedene Bereiche wie die Biogenese erklärt sowie die Ursache der Wüstenbildung auf diesem Planeten.


Wilhelm Reich, geboren am 24. März 1897 in Dobzau, einem kleinen Ort im östlichen Teil Galiziens, beginnt 1918 in Wien ein Jurastudium, das er bereits nach dem 1. Semester wieder aufgibt um zur medizinischen Fakultät überzuwechseln. Anfang 1919 bekommt er Kontakt zur Psychoanalyse. Im selben Jahr lernt er Siegmund Freud kennen.

1920 wird er Mitglied der Psychoanalytischen Gesellschaft und beginnt bereits im selben Jahr die Ausübung der Psychoanalyse. 1920 ist das Jahr, in dem Freud in "Jenseits des Lustprinzips" den hypothetischen Todestrieb benennt.

Im Jahre 1922 nach Abschluß seines Medizinstudiums und der Promotion zum Doktor der Medizin lernt er in der Wiener Universitätsklinik Neuropsychiatrie.

Reich wird der konsequenteste Vertreter der ursprünglichen Lehre Freuds der "Sexuellen Ätiologie der Neurose" und der Libidotheorie. Freud, der die Libido als chemische Zusammensetzung vermutet, setzt sein Vertrauen in Reich.

Von 1922 an entwickelt Reich die Freudsche Libidotheorie konsequent zur Orgasmustheorie weiter. Im selben Jahr entdeckt er die orgastische Potenz, das wichtigste Stück der Sexualökonomie (die sich in der Entdeckung des Orgasmusreflexes 1935 und der Orgonstrahlung 1939 als ihre naturwissenschaftliche Begründung fortsetzen wird).

Ab 1922 arbeitet er am Psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose.

1922, auf dem Berliner Kongreß, auf dem etwa 150 Teilnehmer sind, stellt Freud in einer kleinen Gruppe, zu der Reich auch zählt, die Frage, wie viele Analytiker wirklich analysieren können. Freud hebt anschließend 5 Finger.

1923 verfaßt er für die Psychoanalytische Gesellschaft eine Arbeit, in der er die Vernachlässigung der genitalen Funktion kritisiert.

1924 erklärt er auf dem Psychoanalytischen Kongress in Salzburg, daß es keine Neurose ohne die Störung der Genitalität gibt.

Im technischen Seminar, dessen Leiter er nun 1924 ist, systematisiert er die Freudsche Assoziationsmethode in der Therapie zur Widerstands- und später zur Charakteranalyse weiter. Damit löst er das Problem der negativen therapeutischen Reaktion, daß zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Psychoanalyse besteht und sich darin äußert, daß ab einem gewissen Punkt die Therapie stagniert.

Von 1920 bis 1925 verfaßt er mehrere Artikel, die die Wichtigkeit der Sexualität in Bezug zum psychischen Erleben zum Inhalt haben und die in verschiedenen Fachzeitungen publiziert werden. Sie werden 1975 erstmals von der Trustee of the Wilhelm Reich Infant Trust Fund unter dem Titel "Early Writings Volumen One" ( "Wilhelm Reich Frühe Schriften 1") gesammelt als Buch herausgegeben.

1925 erscheint "Der triebhafte Charakter", Anfänge der sexualökonomisch orientierten Charakterlogie.

1926 im Dezember hält Reich in Freuds Haus einen Vortrag über charakteranalytische Methoden und zieht sich Freuds Mißgunst zu. Freud kritisiert Reichs Aufgabe der psychoanalytischen Grundregel, der des freien Einfalls. Reich setzt die systematische Widerstandsanalyse dagegen. Erste Anzeichen eines Konflikts bahnen sich an.

1926, dem Jahr in dem Freuds "Hemmung, Symptom und Angst" erscheint, in der die Abkehr von der Sexualität ihren ersten Ausdruck findet, schreibt Reich eines der bedeutendsten Bücher zur sexuellen Ätiologie der Neurose:

"Die Funktion des Orgasmus" (1927).

Dieses Buch enthält die Inschrift: Meinem Lehrer Siegmund Freud in tiefer Verehrung.

Reich überreicht Freud das Manuskript am 26. Mai zu dessen 70. Geburtstag. Freud sieht das Manuskript, zögert und sagt dann: "So dick?" Reich fühlt Freuds Unbehagen.

Das Buch ist ein Schlag gegen Freuds Sublimierungskonzept, das zwar die Triebansprüche aus der Verdrängung befreien-, sie aber dann doch nicht , aus kulturellen Gründen, zur Befriedigung kommen lassen will .

1927 zerstreitet er sich letztendlich mit Freud, weil dieser die gesellschaftlichen Ursachen der Neurose als untersuchenden Gegenstand ablehnt und sich energisch gegen eine gesellschaftliche Neurosenprophylaxe ausspricht. Die (bürgerliche) Kultur hätte Vorrang. So wurde Reich das "Unbehagen in der Kultur" (Freud 1930).

In einem Gespräch mit Freud sagt Reich: "Wenn Ihre eigene Theorie besagt, daß die Stauung, die Libidostauung oder Energiestauung der Kern der Neurose ist, der Kern des neurotischen Prozesses, und wenn die orgastische Potenz die Sie nicht leugnen (er leugnete das nie) der Schlüssel zur Bewältigung der Stauung ist, oder wenigstens zur Beherrschung, dann ist meine Theorie der Neurosenprophylaxe richtig. Es ist ihre eigene Theorie. Ich habe nur die Konsequenzen daraus gezogen."

Reich knüpft Ende der 20er Jahre die Verbindung zwischen den Erkenntnissen der Psychoanalyse Freuds und den sozialwissenschaftlichen Theorien von Friedrich Engels und Karl Marx.

Die Sozialdemokraten, bei denen er Mitglied ist, schließen ihn aus, als er eine linke Oppositionsgruppe aufbaut.

Neben seiner Privatpraxis gründet er Sexualberatungsstellen.

1929 veröffentlicht er die Schrift "Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse" einer der brillantesten Arbeiten über den dialektischen Materialismus überhaupt, in der er theoretisch nachweist, daß sowohl Psychoanalyse wie auch Gesellschaftswissenschaften dialektisch zueinander stehen müssen, wenn sie rational sein sollen.

1929 erscheint die Schrift "Sexualerregung und Sexualbefriedigung"

193o die Schrift "Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral". Eine erweiterte Fassung trägt später den Titel "Die Sexualität im Kulturkampf" und deren nochmalige Erweiterung, letztendlich den Titel "Die Sexuelle Revolution"

1930 übersiedelt Reich nach Berlin.

Innerhalb der Sexual Reform Begegnung, die man auf 80 bis 350000 Mitglieder schätzt, wird Reich aktiv. Man gründet den Deutschen Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik (DRPSP). Reich zählt zum Vorstand.

Auf dem Kongress der DRPSP in Düsseldorf 1931 schlägt Reich folgende inhaltliche 7 Punkte Programm als Plattform vor.

Freie Abgabe von Verhütungsmitteln für finanziell Minderbemittelte. Aufklärung über Geburtenkontrolle und Empfängnisverhütung
Die Aufhebung des Abtreibungsverbots. Freier Schwangerschaftsabbruch in allgemeinen Krankenhäusern. Finanzielle und medizinische Hilfe für schwangere Frauen und junge Mütter.
Abschaffung der juristischen Unterscheidung zwischen Eheleuten und Ledigen. Abschaffung juristischer Verfolgung des "Ehebruchs" und Scheidungsfreiheit. Die Schaffung von Sexualreformen, die die Prostitution überflüssig machen.
Aufklärung, die der Gefahr von Geschlechtskrankheiten entgegenwirkt.
Lebensbejahende Erziehung als Prävention gegen Neurosen. Die Schaffung von sexualökonomisch orientierten Kliniken.
Ausbildung von Ärzten und Sozialarbeitern in Sexualhygiene.
Therapeutische Behandlung statt Strafe für sexualvergehen an Kindern und Minderjährigen. Präventionsmaßnahmen gegen sexuellen Mißbrauch bei Kindern und Jugentlichen.

In dem Glauben, die KPD wäre der Vertreter des Dialektischen Materialismus wird er Parteimitglied und gründet die Sex-Pol. (1931), die Organisation für Sexualität und Politik. Die Sex-Pol soll bereits bei ihrer Gründung 40 000 Mitglieder gezählt haben. Reich richtet in Berlin Sexualberatungsstellen ein und hält öffentliche Vorträge. Die KPD erkennt sehr schnell, daß Reich für die Interessen der Menschen eintritt, anstatt sie nur für die Revolution mobilisieren zu wollen. Auch hier entfacht sich der Gegensatz zwischen Sexualökonomie und dem historischen Materialismus, ähnlich wie in der Psychoanalyse. Wilhelm Pieck, beschuldigt Reich "von der Konsumtion auszugehen, während Marxisten von der Produktion ausgehen müßten", ein peinlicher Ausrutscher Piecks in Sachen Dialektik, da er damit zeigt, daß er einen eingeschränkten, undialektischen Produktionsbegriff hat, ähnlich wie Freud, dessen Wissenschaftsbegriff immer provinzieller wird und von Vorurteilen überschattet ist.

Somit wird die Sexualökonomie eine eigene Bewegung mit eigener theoretischer Auffassung (1928-34) bezüglich gesellschaftlicher und historischer Abläufe und deren psychischer Reflexion.

1930 kommt Wilhelm Reich in Kontakt mit den Arbeiten des Ethnologen Bronislaw Malinowski, der eine Arbeit über einen Inselstamm in der Südsee, die Trobriander, unter dem Titel "das Geschlechtsleben der Wilden" veröffentlichte. Hier findet Reich Beweise für Friedrich Engels Postulate matriarchalischer Gesellschaftsformen. Es gibt dort kein Privateigentum an Produktionsmitteln und auf Grund der matriarchalischen Organisationsweise kann sich privater Besitz nicht anhäufen. Die notwendige Sexualunterdrückung, um den wirtschaftlichen Besitz durch Zwangsheiraten zu binden und zu sichern, gibt es nicht. Ebenso gibt es dort keine Perversionen, Kriminalität und vor allem keinen Ödipuskomplex. Damit wurde bewiesen, daß der Ödipuskomplex nicht naturgegeben ist, sondern gesellschaftlich erzeugt wird. Ebenso, daß die Repression der natürlichen Sexualität der Schlüssel zur gesellschaftlichen Umschichtung, also Ursprung der Klassengesellschaft ist. Reich veröffentlicht seine sexualökonomische These zum Ursprung der Klassengesellschaft durch Unterdrückung der freiheitlichen Sexualität unter dem Titel "Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral ", 1932.

In der Psychoanalyse hatte sich bereits in den 2oer Jahren immer mehr die Hypothese eines von Freud postulierten "Todestrieb" verankert, der das Scheitern einer angestrebten Gesundung als Ursache haben sollte. Diese Theorie des Todestriebes, der dem Eros zumindest damals noch gleichberechtigt gegenüber steht führt zur Theorie eines "Primären Masochismus", d.h. einer natürlichen Ursache leiden zu wollen.

Reich hatte in Berlin Elsa Lindenberg kennengelernt, eine Theatertänzerin, Choreographin und Tanztherapeutin. In keiner von Reichs Biographien wurde vermerkt, daß Elsa Lindenberg mit Gindlerarbeit in Verbindung stand. Elsa Gindler war Bewegungs - und Atemtherapeutin. Sie war in den 20er Jahren in ganz Europa bekannt. (Das Orgonomische Videoarchiv führte 1990 ein Interview mit Lindenbergs langjähriger Begleiterin Ida Kosvoll). Hier fand Reich körperorientierte Komponenten, die sehr gut zu seiner therapeutischen Arbeit paßten.

Auf der Grundlage des Verständnisses körperorientierter Vorkommnisse in der Therapie, liefert er den Nachweis, daß der sogenannte primäre Masochismus lediglich eine Form nach innen gerichteter Spannung ist, die sich nach außen nicht ökonomisch entladen kann. Masochismus ist also therapierbar und somit nicht primär. Der Wille zum Leiden ist also eine Fehldeutung Freuds, der seiner eigenen Haltung dem Leben gegenüber entspricht (Die Kultur geht vor).

Ab diesem Punkt setzen die Attacken von Freud gegen Reich ein, die besonders seine Exilexistenz in Skandinavien ab 1933 äußerst negativ beeinflussen. Freud, der Reich noch 1928 versprochen hatte ihn beschützen zu wollen, behauptet nun, Reich hätte diese Theorie im Auftrage der bolschewistischen Partei Rußlands verfaßt. Selbst für einen Antikommunisten eine absurde Behauptung.

1932 erscheint "Der sexuelle Kampf der Jugend", eine sexualpolitische Agitations- und Aufklärungsschrift für Jungkommunisten und Jugendliche.

1933 gibt es die ersten Stürmungen der Sexualberatungsstellen durch die SA. Reich emigriert im Mai 1933, zunächst nach Kopenhagen.

Auf Grund der politischen Lage weigert sich der Internationale psychoanalytische Verlag, den Freud leitet , Reichs Charakteranalyse herauszugeben.

Die Charakteranalyse ist das bedeutendste Buch der Libidotheorie der damaligen,- wie auch der heutigen Zeit und gehört auch heute noch zum psychoanalytischen Lehrstoff. Neben der Notwendigkeit die charakterlichen Verknotungen ihren Widerständen gemäß abzubauen, wird in ihr eine Landkarte der libidinösen Entwicklung dargestellt, die zeigt, welche Merkmale diese Stadien in der späteren charakterlichen Organisierung ausüben. Die Libidoentwicklung erstreckt sich von der oralen Phase über die anale und die phallische zur genitalen, ihrem Endpunkt. Später wird Reich vom "genitalen Charakter" sprechen im Gegensatz zum "Prägenitalen". Wird es dem Individuum verwehrt sich genital zu organisieren, organisiert sich der Charakter über die nächstliegende Position, die er charakterenergetisch einnehmen kann. Alle prägenitalen Charakterformen, die sich durch Ausschluß der Genitalität organisieren, haben neurotische Wesenszüge. Je stärker das Kind durch Repression an eine libidinöse Entwicklungsphase fixiert wird, um so mehr organisiert es sich über diese. Entscheidend bei dieser libidinösen Beurteilung ist nicht, was der Charakter abwehrt, sondern welche Energieform er dazu benutzt. Im Einzelfall könnte also ein phallisch aggressiver Charakter seine Position verlassen müssen um dann letztlich in einer analen Unterwerfungsposition zu verharren, oder gar zur oralen Abhängigkeit mit seiner Stille und Hilflosigkeit zurückzukehren (Regression). Später wird der oralen Entwicklungsphase die okuläre vorangestellt. Diese Erkenntnis wird in späteren Jahrzehnten eine wesentliche Rolle für die sanfte Geburt spielen. Auch wird es sich später zeigen, daß es keine primäre anale Phase gibt, nur anale Repression und die darauf aufbauenden Charakteranteile, sowie den analen Charakter (Zwangscharakter).

Mit dem Einbruch ins biologische Fundament wird die Charakteranalyse um einige Abschnitte zur vegetativen Strömung (1936), sowie 1945 um die horizontalen segmentären Abpanzerungen zur vertikal verlaufenden Orgonströmung erweitert.

1933 richtet sich Anfang Dezember in Dänemark bereits eine Pressekampagne gegen Reich, die zur Folge hat, daß er sein Visum nicht verlängert bekommt.

So geht er nach Malmö, Schweden. Doch auch hier beginnt die Polizei ihn zu überwachen und sich mit der dänischen Polizei zu koordinieren.

Reich veröffentlicht 1933 von Skandinavien aus im eigenen Sexpol-Verlag die Schrift "Die Massenpsychologie des Faschismus", die zum soziologischen Klassiker des 20. Jahrhunderts werden wird.

Reich beschreibt hier schon die Ursachen des späteren Niedergangs der KP und analysiert den Erfolg des Faschismus, der darauf basiert, aus der Sexualunterdrückung und der mystischen Hoffnung auf einen Befreier Kapital schlagen zu können. Der sexuell unterdrückte Mensch ist zu großen Anteilen infantil und somit an die elterliche Autorität gebunden, die er in der Person des Führers fürchtet und verehrt. Er sehnt sich zwar nach Freiheit - hat aber gleichzeitig tiefe Angst vor ihr. Später wird Reich diese Angst als biophysische Angst beschreiben, die gesellschaftlich erzeugt und vom einzelnen Individuum selbst getragen, erlitten und gesellschaftlich fortgepflanzt wird. Das ist ein Schlag gegen die klassische marxistische Theorie, in der der Mensch grundlegend frei ist und nur durch den Kapitalismus unterdrückt wird. Reich wird daraufhin 1933 aus der KPD, der er zu diesem Zeitpunkt noch angehört, ausgeschlossen.

1934 erscheint: Der Orgasmus als elektro-physikalische Entladung (Abhandlungen zur personellen Sexualökonomie Nr.1) sowie der Urgegensatz des vegetativen Lebens (Abhandlungen zur personellen Sexualökonomie Nr.2) und "Was ist Klassenbewußtsein?" unter dem Pseudonym Ernst Parell (Politisch-psychologische Schriftenreihe der SexPol Nr.1)

Hier skizziert Reich, daß es 2 Arten von Klassenbewußtsein gibt - das der Avantgarde und das der Masse. Das ist seine Erfahrung aus seiner politischen Arbeit und ein demokratischer Ansatz in Opposition zur Parteidiktatur der KP. Er erleutert, daß ein intellektuell theoretischer Revolutionsbegriff nicht im Einklang mit den Empfindungen der Masse ist und somit eine Avantgarde es verfehlen kann Sprachrohr der Masse zu sein. Hier zeichnet sich bereits die Trennung zwischen dem mechanischen Revolutionsbegriff und der tatsächlichen Möglichkeit einer revolutionären Umwälzung ab.

1934, darf er auf dem 13. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Luzern nur noch als Gastredner sprechen, da ihn die Psychoanalytische Gesellschaft ebenfalls in einer geheimen Sitzung ausgeschlossen hatte, weil er Soziologie in die Psychoanalyse einführte.

Der Hintergrund für dieses Szenarium ist der Anpassungsversuch der Psychoanalyse an das nationalsozialistische System Hitlerdeutschlands in der Hoffnung, einem Verbot zu entgehen. Trotz alledem werden später die Schriften der Schule Freud den Flammen übergeben. Auch scheint Freud zu ignorieren, daß er selber jüdischer Abstammung ist und daß gerade er einen Hauptvertreter des überspitzten jüdischen Intellektualismus repräsentiert, den Göbbels anprangert.

Anna Freud schreibt im April 1933 an Ernest Jones, dem Präsidenten der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV): " Pappa würde sich sehr freuen (Reich) aus der Vereinigung loszuwerden" und in einem weiteren Brief: "Mein Vater...kann es nicht erwarten Reich als Mitglied loszuwerden".

Bereits 1936, drei Jahre später also, bespricht Ernest Jones in Basel mit M.H. Göring die weitere Gestaltung und Kooperation der jetzt rein arischen Psychoanalyse mit den Nationalsozialisten. Die angeblich antipolitische Psychoanalyse hat also eine klare politische Position eingenommen und macht gegen Reich in Skandinavien Druck, ebenso wie viele der ins Exil gegangenen Kommunisten.

Auch in Schweden wird Reich, wo er jetzt wohnt , von der Polizei bespitzelt und sein Visum letztlich nicht verlängert.

1934 folgte er einer Einladung von Harold Schjelderup, Professor für Psychologie an der Universität Oslo, Norwegen. Reich kann das Labor, daß dem psychologischen Institut angegliedert ist, benutzen, im Gegenzug dafür lehrt er Charakteranalyse. Hier in Oslo beginnt für Reich der Teil seiner Arbeit, die ihn tief in das Gebiet der Biologie führen soll und ihn ein für alle mal von der Psychoanalyse trennt.

Reich besucht 1934 einen Vortrag von A.S. Neill, dem Gründer der Summerhillschule. Neill der im Nachhinein davon erfährt, sucht Reich noch am selben Abend auf. Dieses Treffen ist der Beginn einer tiefen persönlichen Freundschaft, die bis zu Reichs Tod andauern wird.

Neill hat bereits unabhängig von Reich die Prinzipien der Selbstregulation im Gegensatz zur autoritären Erziehung erkannt und mit viel Erfolg in seiner Schule praktiziert. Neills Summerhill wäre die ideale Ergänzung zu Reichs Orgonomic Infant Research Center (OIRC), daß es jedoch zum damaligen Zeitpunkt noch nicht gibt. Summerhill, daß im Zusammenhang mit Reich in der 68er Studentenbewegung in der BRD als Vorbild für repressionsfreie Erziehung zu Ruhm gelangen wird, wurde nach Neills Tod zuerst von seiner Frau und dann von seiner Tochter weiter geführt. Summerhill existiert auch heute (1997) noch.

Trotz der massiven Angriffe auf ihn ist Reich in Skandinavien nach außen sehr zurückhaltend, jedoch wissenschaftlich außerordentlich produktiv. Neben der Herausgabe seiner soziologischen Arbeiten führt Reich eine neue Dimension in die Therapie ein:

Er entdeckt die respiratorische Bremsung und die muskuläre Panzerung. Auf dem Kongreß in Luzern darf er diese Ergebnisse nur noch als Gastredner vorbringen. Sie werden später in der 3. erweiterten Auflage der Charakteranalyse unter dem Titel "Psychischer Kontakt und vegetative Strömung " veröffentlicht. Es war der Beginn der Biopsychiatrie.

1935 wird der Orgasmusreflex entdeckt. Er ist das Kernstück der Sexualökonomie als Selbstregulierung der primären -, im Gegensatz zu den Sekundären, durch Unterdrückung erzeugten pervertierten Trieben.

Reich selbst formulierte es klar: "Die seelische Gesundheit hängt von der orgastischen Potenz ab, daß heißt vom Ausmaß und der Erlebnisfähigkeit am Höhepunkt der sexuellen Erregung im natürlichen Geschlechtsakt. Ihre Grundlage bildet die unneurotische charakterliche Haltung der Liebesfähigkeit. Die seelischen Erkrankungen sind Folge der Störung der natürlichen Liebesfähigkeit. Bei orgastischer Impotenz, unter der die Mehrzahl der Menschen leidet, entstehen Stauungen biologischer Energie, die zu Quellen irrationaler Handlungen werden. Die Heilung der seelischen Störungen fordert in erster Linie die Herstellung der natürlichen Liebesfähigkeit."

Die Biopsychiatrie, wie Reich seine Arbeit jetzt nennt, erhebt die Bindung von Energie zum Hauptproblem der neurotischen Verankerung und ihre Lösung aus den muskulären Spasmen zum Hauptgegenstand der vegetotherapeutischen Arbeit. Vegetotherapie ist der neue Begriff. Ihre Freisetzung löst den Orgasmusreflex aus, der bei ungebremster Atmung als Welle vom Kopf zum Genital läuft.

Dieser Prozeß hat die Merkmale eines Viertaktes: elektrischer Spannung, mechanischer Ladung (von Flüssigkeit), energetischer Entladung und mechanischer Entspannung. Reich nennt sie die Orgasmusformel. Sie ist eine Grundfunktion des Lebendigen - die Lebensformel schlechthin.

Für Reich liegt es jetzt nahe auf der Grundlage dieser gesicherten Erkenntnis weiter in das Gebiet der Neurologie vorzustoßen, um dort die neu entdeckte Funktion zu überprüfen Sympathicus und Vagus sind Grundfunktionen des autonomen Nervensystems. Bereits damals postuliert Reich ein pulsierendes Gehirn und ein sich ausdehnendes und kontrahierendes Nervensystem. Für den neurologischen Ansatz, der im Nervensystem nur Zellen und Leitungen zur Reiz und Impulsübermittlung sieht , ist das ein völlig neuer Ansatz.

Die 3oer Jahre sind die Blütezeit der neurologischen Forschung allgemein. Vor L.R. Müllers Werk "Die Lebensnerven" hatte Friedrich Kraus, von dem Reich den Begriff vegetativ übernahm, bereits 1926 nachgewiesen, daß durch die Verbindung von Mineralsalzen und Flüssigkeit im Körper Bioelektrizität entsteht.

Das ist der Ausgangspunkt für Reichs Versuche, die er später, 1936 unter dem Titel "Experimentelle Ergebnisse über die elektrische Funktion von Sexualität und Angst " veröffentlicht. Mit einem Millivoltmeter werden Schleimhäute und die Hautoberfläche auf ihr elektrisches Potentialverhalten bei Lust und Unlust untersucht. Die Apparatur besteht aus einem Dreielektrodenröhrenverstärker, einem Oszillographen, Schreiber und Silberelektroden.

Einer der Versuchspersonen ist auch Willy Brandt, der ebenfalls aus Deutschland emigrierte. Er lebte in einer Beziehung mit Gertrud Gasland, Reichs Laborantin.

Die Vermutung des elektrischen Gegensatzes zwischen Lust und Angst läßt sich auch objektiv verifizieren. Bei Lust steigt das elektrische Potential an, bei Angst oder Unlust fällt es ab. Jedoch können die geringen Millivoltraten (70 MV) nicht die starken emotionellen Reaktionen erklären, die in der Vegetotherapie frei werden. Elektrizität und Nervenleitung sind nur sekundäre Funktionen in Libidoabläufen. Bioelektrizität kann nicht die gesuchte Energie sein.

Dieser Tatbestand führte Reich dazu Leben auch jenseits des Nervensystems auf die Gültigkeit der Orgasmusformel zu untersuchen - und zwar bei Einzellern.

Reich bekommt sie vom Botanischen Institut in Oslo, in Form von Aufgüssen. Nach einiger Zeit beginnt er sie selbst herzustellen. Die Frage nach ihrem Entstehen veranlaßt ihn, den Prozeß, der in der Grasinfusion stattfindet, selber zu beobachten. Dabei entdeckt er, daß Gras in ein Kolloid zerfällt und daß sich in diesem Kolloid kleine Bläschen bilden. Diese Bläschen zeigenPulsation, Drehung und Zusammenziehung. Sie bilden Haufen, die sich verdichten, rotieren, um sich schließlich zu Einzellern auszuformen. Die Bewegung der Bläschen, die Reich als Bione benannte, hat nicht die zittrige Bewegung der Brownschen Bewegung, die somit als deren Ursache ausgeschlossen werden kann. Die Brownsche Bewegung ist auch nicht wie die Bione kultivierbar. Nach der Sterilisation des Ausgangsmaterials ergibt sich dasselbe Bild, jetzt nur noch schneller als zuvor.

Reich erhitzt Kohle bis zu 1500 Grad Celsius. Seiner Erfahrung nach zerfällt jegliche geglühte Materie direkt in Bione. Reich definiert Bione als kleinste biologische Träger eines bioenergetischen Quantums.

Nach der Anschauung von Louis Pasteur, die er Mitte des 19. Jahrhunderts bildete und die bis heute Gültigkeit hat, entstammt das Leben den Sporen aus der Luft, die sich auf Gras und Pflanzen setzen. Eine Sterilisation von 180 Grad müßte sie komplett abtöten. Von dem Zeitpunkt der Gültigkeit dieser Theorie an bis zu Reichs Entdeckung hatte niemand die Entwicklung von Protozoen aus Gras oder Heu direkt beobachtet. Reich sterilisiert jetzt bis 180 Grad. Neben der Bestätigung der Kontraktions - und Expansionsbewegung der Bione, die Reich richtigerweise auch jenseits des Nervensystems vermutet hatte, widerlegt seine Beobachtung die Luftkeimtheorie. Ein Eckpfeiler, der auch heute 1997 geltenden Anschauung über Biogenese in der Biologie.

Bione lassen sich anfärben, auf Nährböden impfen und sind kultivierbar.

Die Tatsache wird von der Französischen Akademie der Wissenschaften 1938, der Reich zuvor eine Probe von Holzkohlebione schickt, bestätigt. Jedoch weist man Reichs Interpretation des Dialektischen Materialismus zurück. Da es jedoch Reich gerade darauf ankommt , stimmt er einer Publikation durch die Acad´emie des Sciences Paris nicht zu und veröffentlicht seine Arbeit einschließlich seiner dialektischen Interpretation im institutseigenen Sex-Pol Verlag

1938 unter dem Titel "DIE BIONE - Zur Entstehung des Vegetativen Lebens" (Institut für sexualökonomische Lebensforschung, klinische und experimentelle Berichte Nr. 6)

Dieser Fassung waren auch zwei Arbeiten von Roger Du Teil, einem französischen Professor der Centre Universitaire Mediterranée in Nizza, der Reichs Experimente ebenfalls nachvollzogen hatte, angegliedert : "Leben und Materie" und "Drei Versuchsreihen". Desweiteren "Die Geschichte der Auffassung seit dem 17. Jahrhundert über den Ursprung des organischen Lebens" von Arthur Hahn.

(Die Niederschrift der Bione 1937 erfolgte auf deutsch und wurde später ins englische übersetzt. Die heutige deutsche Ausgabe ist eine Rückübersetzung aus dem Englischen)

Bereits im Sommer 1937 publiziert Reich Teile dieser Arbeit in seiner Institutszeitschrift. Im Herbst reagiert die Zeitschrift "Aftenposten" mit einer Zusammenfassung und Kommentierung und einige Zeit später mit einem niederschmetternden Artikel gegen Reich. Die Zeitung "Arbeiderbladet " schließt sich der Kampagne an und es organisiert sich eine regelrechte Opposition mit dem Ziel, eine Verlängerung des Visums für Reich zu verhindern und ihn an der Ausübung seiner Therapie zu hindern. Reich wird u.a. vorgeworfen, er würde behaupten Leben erschaffen zu haben.

Unter seinen Gegner befindet sich der Krebsspezialist Kreyberg, der Bakteriologe Thjötta und der Psychologe Nissen, sowie auch der Norwegische Psychiater Scharffenberg, Otto Louis Mohr und der Biologe Klaus Hansen, der Reichs Arbeit als blanken Unfug abtut und später eine 7jährige Strafe als Nazikollaborateur verbüßen muß. Eine Prominenz von Faschisten, Kommunisten, Psychiatern, Psychologen und Naturwissenschaftlern tut sich zusammen um gegen Reich Front zu machen. Man versucht Reich als Quacksalber abzutun, der weder von Psychotherapie noch von Biologie eine Ahnung hat und dessen Arbeit nur ins Sexuelle führen würde.

Zwischen Herbst 1937 und Herbst 1938 erscheinen über 100 Artikel in Osloer Zeitungen, die versuchen Reich regelrecht niederzumachen.

Doch Reich erhält auch Unterstützung von anderer Seite und so wird die Situation in der Öffentlichkeit für das liberal geltende Norwegen allmählich peinlich. Man weist Reich zwar nicht aus, jedoch erläßt man ein gesetzliches Dekret über eine spezielle Lizenz zur Ausübung der Psychoanalyse, das Reich natürlich verweigert wird.

1937 erscheinen "Orgasmusreflex, Muskelhaltung und Körperausdruck" (Abhandlungen zur personellen Sexualökonomie Nr.5), sowie "Der dialektische Materialismus in der Lebensforschung" (Klinische und experimentelle Berichte Nr.5)

sowie

"Die natürliche Organisation der Arbeit in der Arbeitsdemokratie" (Politisch-psychologische Schriftenreihe der Sexpol Nr.4). Hier legt Reich die Grundzüge der Arbeitsdemokratie dar, die der Anfang einer neu entwickelten Soziologie ist, die auf Arbeit und nicht auf Politik basiert. Sie löst den politischen Marxismus theoretisch ein für alle Mal ab.

1953 wird Reich in einem Gespräch zu Walter Hoppe bemerken: " Der Sozialismus ist am Ende ". Tatsächlich war er es schon in den 30er Jahren. Sein tatsächliches politisches Ende beginnt in Berlin 1989.

Die Arbeitsdemokratie ist eine neue Soziologie, die nicht nur wie der Marxismus einen äußeren sondern einen biopsychischen Produktionsbegriff hat und besonders das Politisieren durch einen rational gesinnten Arbeitsbegriff ersetzt. Später wird Reich sie orgonomische Soziologie nennen.

Der Anekdote nach, die Reich selbst beschreibt, wurde Anfang des Jahres 1939 die Orgonstrahlung durch den Fehler seiner Laborassistentin entdeckt.

Sie vergriff sich im Sterilisator und glühte statt Erde Sand. Nach 2 Tagen gibt es einen gelben Aufwuchs kleiner mikroskopischer Bläschen, die Blau schimmern und die sich zu Paketen zusammen schließen.

Reich nennt sie SAPA-Bione (Sandpaket).

Die Sapa-Bione geben eine Strahlung ab, die die Haut rötet und sie im Winter selbst im Dunkeln bräunt. Sie lädt Gummi elektrisch auf und man kann damit Elektroskope ohne vorherige Reibung laden. Reich zieht sich beim Mikroskopieren eine Bindehautentzündung zu. Eine Probe auf Radioaktivität hin hat ein negatives Ergebnis. Es handelt sich also um keine Nuklearstrahlung.

1939 veröffentlicht Reich "3 Versuche am statischen Elektroskop" (Klinische und experimentelle Berichte Nr.7)

1938 hatte Reich Theodor Wolfe kennenlernt, einen Psychosomatiker aus den USA,


Mehr Informationen kann man finden unter:
 www.orgon.de

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